Ich gebe zu: Ohne den prägnanten Titel wäre ich wohl nicht in die Ausstellung gegangen, sondern in eins der zahlreichen anderen Museen in München, in denen ich noch nie gewesen bin. Doch ich wollte wissen, was sich hinter dem Slogan verbirgt, in dem offenbar der Song „Aber hier leben, nein danke“ der Indie-Rockband Tocotronic zitiert wird.
Meine Neugier wurde belohnt: Natürlich kenne ich surrealistische Gemälde wie das von Salvador Dalí mit den zerfließenden Uhren („Die Beständigkeit der Erinnerung“, hier zu sehen). Aber ich wusste bislang nicht, dass der Surrealismus eine politisierte Bewegung von internationaler Reichweite war. Die Künstlerinnen und Künstlern hatten Ziele, wie den Faschismus zu bekämpfen oder die Gesellschaft grundlegend zu ändern. Es ging also um wesentlich mehr als schmelzende Uhren oder phantastische Traumbilder.

Wie die surrealistische Bewegung zustande kam
Interessant fand ich, wie diese geistige Bewegung entstanden ist: Die Brutalität und Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs ließ die Surrealisten an den Werten der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zweifeln. Um den Dichter André Breton bildete sich eine Gruppe, die mit literarischen Erzeugnissen, Bildern, Fotografien, Pamphleten und Manifesten eine vollständige Veränderung der Gesellschaft hervorrufen wollten. Sie strebten nach einer freien Gesellschaft, in der es andere gemeinsame Ziele als nationale Interessen und Profitstreben gab. Beeinflusst von den Theorien Sigmund Freuds, benutzen sie Träume, das Unbewusste und Phantastisches, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen.

Wie sich die surrealistische Bewegung entwickelte
Schon früh prangerten sie die europäische Kolonialpolitik an und organisierten sich gegen den Faschismus. Doch dieser breitete sich in vielen Teilen Europas aus und beeinflusste das Leben der Surrealisten stark. In Deutschland mussten sie spätestens seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten das Land verlassen, denn diese wandten sich ja radikal von der Moderne ab, was unter anderem in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ gipfelte. In der Ausstellung erfährt man, dass die ägyptische surrealistische Gruppe „Art et Liberté“ dem Widerstand leistete, indem sie sich das Wort „entartet“ aneignete, um es in etwas Positives zu verwandeln: Das Gründungsmitglied Georges Henein verfasste das Manifest mit dem Namen „Vive l’art dégénéré“ – „Es lebe die entartete Kunst“.
Aber hier leben? Nein, danke.
Der Ausstellungstitel „Aber hier leben? Nein, danke.“ ist natürlich auch auf all das zurückzuführen: Das Leben in Deutschland war für die antifaschistisch orientierten Künstlerinnen und Künstler unmöglich geworden. Viele fanden in Frankreich Unterschlupf, als jedoch die Deutschen 1940 in Frankreich einmarschierten, wurden die Geflüchteten als feindliche Ausländer interniert, einige im Camp des Milles (Max Ernst, Wols).
In der Ausstellung wird mir zum ersten Mal klar, dass viele Menschen, die für das reaktionäre Weltbild der damaligen Herrschenden unerwünschte Eigenschaften hatten (jüdisch, „surrealistisch“, homosexuell usw.) früher oder später in Europa quasi überall unerwünscht waren und – wenn sie Glück hatten – irgendwohin flüchten konnten, wo man sie in Ruhe ließ.

Zugleich ergaben sich aber „erstaunliche Begegnungen und internationale Solidarisierungen, deren Verbindungslinien von Prag nach Coyoacan in Mexico-Stadt, von Kairo ins republikanische Spanien, von Marseille nach Fort-de-France auf Martinique, von Puerto Rico und Paris nach Chicago und zurück reichten. Surrealistisches Denken und Handeln fand damals und findet heute an mehreren Orten gleichzeitig statt“ (Ausstellungstext).
Ich kann die Ausstellung absolut empfehlen und nehme mit, dass es sich unbedingt lohnt, sich später nochmal mit dem Thema Surrealismus (und auch dem Dadaismus, aus dem der Surrealismus hervorgegangen ist) zu beschäftigen. Wer noch in meinen persönlichen Notizen zur Ausstellung stöbern möchte, kann das unten tun. Ansonsten bis zum nächsten Mal!
Info
Lenbachhaus: Aber hier leben? Nein, danke!

Wissenswerte Details aus der Ausstellung
1. Der Film L’Age d’Ore – Das goldene Zeitalter
„L’Age d’Ore“ oder „Das goldene Zeitalter“ ist ein surrealistischer und satirischer Film des Regisseurs Luis Bunuel aus dem Jahr 1930. Bunuel wollte bewusst provozieren und mit dem Film die bürgerliche Moral und das Wertesystem der katholischen Kirche kritisieren. Während einer Vorführung wurde der Kinosaal von Rechtsextremisten verwüstet, was dazu führte, dass der Film zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Ruhe bis 1981 nicht mehr gezeigt werden durfte. Heute gilt er als eins der Schlüsselwerke des surrealistischen Kinos. Hier kann man einen Trailer sehen.
2. Surrealistische Arbeitstechniken
Das automatische Schreiben und Zeichnen ist der Versuch, die Vernunft und das vermeintlich rationale Denken auszuschalten und das Unbewusste hervorzuholen.
Unter Cadavre Exquis versteht man eine gemeinsame Zeichnung, an der mehrere Personen beteiligt sind, ohne zu wissen, was die anderen herstellen.
Eine Wahrnehmungsänderung ist sehr wichtig, um zu neuen Ergebnissen zu kommen. Viele kreative Menschen kennen es vielleicht: Auch mir ist es bekannt und ich habe schon versucht, die zusammenhanglosen Wörter oder Sätze, die kurz vor dem Schlaf aufblitzen, aufzuschreiben. Ähnliches beschreibt André Breton in einem Buch: „Im Jahre 1919 hatte sich mein Augenmerk auf die mehr oder weniger unvollständigen Sätze gerichtet, die bei völliger Einsamkeit und herannahendem Schlaf dem Geist wahrnehmbar werden, ohne dass es möglich wäre, eine vorherige Bestimmung in ihnen zu entdecken.“ (Die verlorenen Schritte: Essays, Glossen, Manifeste. André Breton)
3. Boykott Kolonialausstellung Paris 1931


Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Menschen schon zu früheren Zeiten in der Lage waren, zu erkennen, wenn etwas nicht richtig war, auch wenn es der Rest der Welt anders gesehen hat. In diesem Fall geht es um den Kolonialismus.
In Paris fand im Jahr 1931 eine riesige sechsmonatige Kolonialausstellung statt, die die verschiedenen Kulturen und gewaltigen Ressourcen des französischen Kolonialreichs darstellen sollte. Es kamen sage und schreibe 8 bis 9 Millionen Menschen, um sich traditionelle Kunst, Hütten, Siedlungen und die Menschen aus den Kolonien selbst (Völkerschauen, das Thema hatte ich schon mal hier kurz behandelt) anzuschauen. Frankreich nutzte die Ausstellung, um politisch zu vermitteln, dass sein Kolonialreich ein humanitäres Projekt sei. Es betonte den kulturellen Austausch und die Vorteile, die Frankreich für seine Überseeterritorien gebracht habe und verschwieg Gewalt und Zwangsarbeit. In der Ausstellung kann man einen Aufruf von Surrealisten betrachten, nicht in die Ausstellung zu gehen (siehe Foto). Dort wird die erzwungene Arbeit erwähnt und gesagt, dass man „diese Menschen, die nicht so „entartet“ sind wie wir…“, „vielleicht für so gut unterrichtet über die wahren Ziele der Menschheit, über Wissen, Liebe und Glück des Menschen halten darf, wie wir es nicht mehr sind…“
Ich habe hier einen sehr guten Artikel über die Kolonialausstellung und einen der Ausstellungsorte (Palais de la Porte Doree) mit vielen Fotos gefunden. Darüber hinaus habe ich noch mal ein wenig zu den Völkerschauen gelesen und festgestellt, dass Carl Hagenbeck (der Gründer vom Tierpark Hagenbeck in Hamburg) etwa 100 Völkerschauen organisiert hat. Er hat die Betrachtung von damals als „primitiv“ und „exotisch“ geltenden Menschen aus anderen Kontinenten quasi kommerzialisiert und dabei in Kauf genommen, dass viele dabei umkamen. Insgesamt ist es offenbar ein Thema, das noch nicht ganz aufgearbeitet wurde. Hier ein paar sehr interessante Artikel zum Nachlesen:
- Vor 150 Jahren: Tierhändler Hagenbeck führt „exotische“ Menschen vor, Harald Stutte (RedaktionsNetzwerk Deutschland)
- Kolonialausstellungen, Völkerschauen und die Darstellung des „Fremden“ , Anne Dreesbach (Europäische Geschichte Online)
- Petition fordert Entfernung des Carl-Hagenbeck-Denkmals, Alana Tongers (Eimsbütteler Nachrichten)
- Diskussion um rassistische Denkmäler und Statuen, Vanessa Wolrath (NDR)
- Völkerschau (Wikipedia)
Zum Abschluss lasse ich noch eine der wenigen kritischen Stimmen zu Wort kommen, die sich damals wie auch die Surrealisten dagegen aussprachen:
„Man sehe sich doch die Leutchen nur ein wenig genauer, ein wenig mehr im eigentlichen Sinne ‚anthropologisch‘ an, und man wird deß sofort inne werden, daß namentlich auf den Mienen der Eskimo-Frauen ein melancholischer Zug haftet. Sie wissen es ganz gut, daß sie ausgestellt werden, preisgegeben den neugierigen, zudringlichen Blicken von Alt und Jung. […] Für unser Empfinden hat dies Menschenausstellungsgeschäft an sich etwas außerordentlich Abstoßendes. Wir können den Gedanken an den Menschenhandel hierbei nicht los werden. Dem mag nun gewiß nicht so sein. Allein diese Menschenkinder, diese Ebenbilder Gottes, wenn’s erlaubt ist zu sagen, so mitten hinein in die zoologischen Gärten als Ausstellungsobjekte zu bringen, das scheint uns der Anthropologie, wie wir uns den Begriff auszugestalten erlauben, daß scheint uns der Wissenschaft und der Lehre vom Menschen und seinem eigentlichen Wesen ganz und gar nicht zu entsprechen.“ (J. K. (anonymisierter Beitrag): Die Eskimos im Zoologischen Garten zu Berlin In: Magdeburger Zeitung, 21. Oktober 1880. S. 3f., zitiert nach: Gabriele Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos. Frankfurt am Main 1996, S. 141 f.)
4. Lee Miller



Eine Überraschung war es für mich zu lesen, dass die Fotografin Lee Miller (1907-1977) auch als Surrealistin gilt. Aber wenn man sich ihre Modeaufnahmen für die Vogue ansieht, die während des Zweiten Weltkriegs in London entstanden, bemerkt man tatsächlich den surrealistischen Einfluss.
5. Claude Cahun und Marcel Moore: Freiheit der Geschlechtsidentität und antifaschistischer Widerstand


Von Claude Cahun (1894-1954) und Marcel Moore (1892-1972) (bürgerliche Namen: Lucy Schwob und Suzanne Malherbe) habe ich noch nie gehört. Claude Cahun bezeichnete sich selbst weder als Frau noch als Mann, sondern als Neutrum und schlüpfte in Selbstportraits in unterschiedliche Rollen. Marcel Moore arbeitete als Künstlerin unter anderem für die Modebranche. Die beiden Lebensgefährt*innen betrieben 15 Jahre lang einen Künstlersalon in Paris und fertigen gemeinsam Fotomontagen für ihr Buch Aveux non avenus (Nichtige Bekenntnisse) an, das mit surrealistischen Methoden die Konventionen der traditionellen Autobiografie unterlief. Cahun setzte sich in ihren antifaschistischen Texten für die Freiheit der Kunst und für künstlerischen Widerstand gegen jegliche Form der Unterdrückung ein. Ab 1937 leben sie gemeinsamen auf der Kanalinsel Jersey, welche 1940 von der Wehrmacht besetzt wird. Sie verteilen im Geheimen antifaschistische Propaganda an die Soldaten. Dafür werden sie interniert und zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils wird durch das Ende des Kriegs verhindert.
6. Ted Joans

Ted Joans (1928-2003) war ein US-amerikanischer Künstler, der den Surrealismus als Haltung sah. Er wollte nicht belehren und erkannte autoritäre Formen der Kommunikation als entscheidendes Problem zwischen Menschen. Deshalb nutzte er die undogmatischen Formen des Surrealismus, welche er noch zusätzlich steigerte durch Mehrsprachigkeit innerhalb von Texten. Zum Beispiel bemerkte er während eines Stipendiums in Berlin das Fehlen einer surrealistischen Haltung in Deutschland folgendermaßen: „Cet magazine a pour but de montrer new points of view und keine Faschismus und Herrenrasse.“ Seine Antwort auf Blitzkrieg war Blitzliebe. Unter dem Titel „Mehr Blitzliebe poems“ erschienen seine Gedichte.
7. Ein modernes Gebäude

Während auf der Pariser Weltausstellung 1937 Deutschland und die Sowjetunion mit Prunkarchitektur protzten, fiel Spaniens Pavillon mit einer sehr modernen, klaren und offenen Architektur auf. Innen befanden sich u.a. Werke des Agitprop (steht für Agitation und Propaganda). Spanien befand sich zu der Zeit im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939), zu dem es durch einen Staatsstreich durch monarchistische und faschistische Militärs kam, die von Deutschland, Italien und Portugal unterstützt wurden. Joan Miró gestaltete eine Wandmalerei im Pavillon (Ein katalanischer Bauer im Aufstand) und Alberto Sánchez eine surrealistische Außenskulptur. Außerdem wurde Picassos berühmtes Gemälde Guernica ausgestellt.


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