Tour durch die Friedrichstadt in Düsseldorf: Ein wunderschönes Industriegebäude der Moderne, Gründerzeitbauten und ein bisschen Jugendstil

Friedrichstraße 112, Düsseldorf, erbaut 1928, Technisches Denkmal

Hinterhaus-Schönheit

Ich rede nicht lang drumherum: Das hier ist für mich das absolute Highlight der Tour durch die Friedrichstadt. Von der Straße aus sieht man es nicht richtig, erst wenn man durch die Toreinfahrt tritt und ein paar Schritte geht, hat man einen Blick auf das, was ich ganz persönlich als Art-Déco-Gebäude bezeichnen würde.

Es wurde 1928 als Buch- und Kunstdruckerei entworfen und wird von der Internetseite https://www.baukunst-nrw.de/ „zu einem der am schönsten gestalteten Produktionsgebäude Düsseldorfs“ gezählt und wohl auch aus diesem Grund in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen.

Ich wusste nicht, dass es in Düsseldorf so ein tolles Gebäude gibt! 😀 Es erinnert mich stark an die Häuser, die ich bei Instagram bei „artdecouk“ gesehen habe. Häuser, die es in Großbritannien anscheinend wesentlich häufiger gibt als bei uns, mit Metallsprossenfenstern und der typisch modernen Stromlinienform. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber diese Art von Häusern verkörpern für mich pure Eleganz.


Unscheinbarer Eingang

Friedrichstraße 112

Doch beginnen wir von vorne. Zunächst eine Übersicht über die ganze Tour:

  • Startpunkt: U-Bahnhof Kirchplatz
  • Einmal um die neugotische Kirche St. Peter herum
  • Die Friedrichstraße ein Stück weiterlaufen bis zum Haus Nr. 112 auf der linken Seite, in den Hinterhof treten
  • Dort befindet sich das wunderschöne Gebäude der Moderne, erbaut 1928, welches übrigens gerade scheinbar frisch restauriert wurde und sich in einem sehr guten Zustand befindet
  • Die Friedrichstraße in Richtung St. Peter zurücklaufen und in die Kirchfeldstraße rechts abbiegen
  • Kirchfeldstraße 85, 87, 91: Baudenkmäler der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Jugendstil“
  • Kirchfeldstraße 97: Baudenkmal der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Übergangsstil“,
  • Kirchfeldstraße 99, 101, 103: Baudenkmäler der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Neurenaissance“
  • Kirchfeldstraße 105: Baudenkmal der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Jugendstil“
  • Noch einen Häuserblock weitergehen und die Corneliusstraße überqueren
  • Weiter die Kirchfeldstraße entlanggehen bis zum Fürstenplatz, die Platzanlage selbst ist auch ein Denkmal, des Weiteren befinden sich hier einige Gründerzeitbauten
  • Am anderen Ende gibt es eine monumentale Brunnenanlage, den so genannten Industriebrunnen
  • An der Ecke befinden sich mehrere Cafés zum Einkehren
  • St. Antonius auf der Ecke ist im neoromanischen Stil errichtet
  • Weiter auf den Fürstenwall gehen, wieder in Richtung Corneliusstraße zurück
  • Fürstenwall 191: Baudenkmal der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Neubarock“
  • Fürstenwall 143: Baudenkmal der Kategorie „Wohn- und Siedlungsbauten Neurenaissance“
  • Dann kommt man noch kurz vor dem Kirchplatz an einem interessanten Gebäude vorbei, bei der die alte klassizistische Fassade in das moderne Gebäude integriert wurde, Fürstenwall 172, genannt „Fürst und Friedrich“
  • Endpunkt: U-Bahnhof Kirchplatz
  • Länge gesamt: Ca. 2-2,5 Kilometer

Neugotische Kirche St. Peter auf dem Kirchplatz

St. Peter, erbaut 1898

St. Peter liegt auf dem Kirchplatz (gleichnamige U-Bahnhaltestelle), auf dem sich auch ein paar Marktpavillons (und Möglichkeiten zum Kaffeetrinken) befinden. Während die katholische Kirche St.Peter auf ihrer Webseite zur Friedrichstadt zählt, lese ich bei Wikipedia, dass sie zum Stadtteil Unterbilk gehört. Eine genaue Abgrenzung der Stadtteile lässt sich leider nicht recherchieren. Die Pfarrei der Kirche gehört aber sowieso zum Seelsorgebereich Unter- und Oberbilk, Friedrichstadt und Eller-West, insofern spielt die genaue Lokalisation vielleicht keine so große Rolle.

Wenn man vor der Kirche steht, erkennt man gut das schachbrettartige Muster des Stadtteils Friedrichstadt. Er gehört zu den am dichtbesiedeltsten Düsseldorfs und Deutschlands. Etwa 20.000 Menschen leben auf einem Quadratkilometer. Hört sich sehr eng an, aber man darf natürlich nicht wie ich Quadratkilometer mit Quadratmetern verwechseln. 😉

Reine Jugendstilbauten oder Gründerzeitbauten mit Jugendstil-Dekor?

In dem sehr interessanten Buch „Was ist Jugendstil?“ der Kunst- und Architekturwissenschaftlerin Stefanie Lieb habe ich gelesen, dass „heutzutage oft jede aufwendiger dekorierte Häuserfassade der Jahrhundertwende als Jugendstilarchitektur subsumiert wird“. Es handele sich aber eigentlich um Gründerzeitbauten mit „aufgeklebtem“ Jugendstildekor und diese lassen sich quasi in jeder Stadt finden.

Unterscheiden müsse man davon die „reinen Jugendstilbauten“, die „aufgrund ihrer besonderen ästhetischen Gestaltung immer wieder Aufsehen erregt haben und bis heute als architektonische Kostbarkeiten der Zeit um 1900 gelten“. Diese sind aber eher selten und befinden sich in den Zentren: in München, Darmstadt, Berlin, Hagen und Weimar. Das, was ich vor zehn Jahren in Brüssel fotografiert habe von Victor Horta, zählt natürlich auch zu den „reinen Jugendstilbauten“.

Ich nehme allerdings an, dass die Häuser der Kirchfeldstraße genau das sind, was Frau Lieb gemeint hat. Aufwendig dekorierte Häuserfassaden, eigentlich aber Gründerzeitbauten mit „aufgeklebtem Jugendstildekor“. Was sie nicht weniger schön macht in meinen Augen. 😉

Baudenkmal der Kategorie „Jugendstil“

Interessieren würde mich jetzt natürlich, wie man die unterschiedlichen Dekore eigentlich voneinander abgrenzt und inwieweit das überhaupt möglich ist, weil es ja gar keine wirklich voneinander abgegrenzten Stilepochen gibt, sondern alles immer nur im Nachhinein bestimmten Zeiträumen (und aufgrund der gemeinsamen Merkmale) einem Begriff zugeordnet wurde sozusagen.

Klar, das Florale, Geschwungene des Jugendstils (was damals durch die Natur und auch durch Japan inspiriert war) sieht man bei Haus Nr. 85 deutlich und bei Haus Nr. 105 die typischen Maskarone. (Maskaron: ein manchmal furchteinflößendes Fratzengesicht, das ursprünglich dazu diente, böse Geister zu vertreiben; später wurde es als rein dekoratives Element benutzt.)

Hier unten bei den als Neurenaissance-Bauten ausgewiesenen Häusern dagegen fehlt jegliches Florale und Ornamentale. Sie wirken gerader, strenger, klassischer. So würde ich es zumindest deuten. Korrekturen von Profis nehme ich gerne entgegen. 🙂

In jedem Fall war den Jugendstil-Künstlern und -Architekten wichtig, genau das nicht zu machen, was in der Zeit vorher im so genannten „Historismus“ gang und gäbe war: zurückzugreifen auf andere, ältere Stilformen und alles wild miteinander zu mixen. Die „Jugendstil-Bewegung“ wollte etwas gänzlich Neues erschaffen und etwas handwerklich Hochwertiges wie die Arts-and-Crafts-Bewegung in Großbritannien, die sich auf mittelalterliche Bautraditionen berief. Sie alle sahen die Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts kritisch und wollten Schönheit in das Leben der Menschen zurückbringen. Eine allumfassende Schönheit, die auch die Einrichtung betraf.

Kein Denkmal, aber eine tolle Fassade

Die geschwungenen Fenster finde ich schön! Außerdem sehen sie aus, also als ob sie tatsächlich noch von vor über 100 Jahren sind! 😀

Nach diesem Haus geht es noch einen Häuserblock weiter bis zur Corneliusstraße, die ich überquere und weiter durchlaufe bis zum Fürstenplatz. Der Fürstenplatz ist ein sehr großer, weitläufiger Platz. An diesem sonnigen Samstag bevölkern zahlreiche Mamis und Papis mit ihren Kindern den Spielplatz in der Mitte des Platzes. Am oberen Ende (Ecke Fürstenwall/Ecke Helmholtzstraße) entdecke ich mehrere nette Cafés, die zum Verweilen bei Kaffee, Kuchen und sonstigen leckeren Kleinigkeiten einladen. Hier liegt auch der so genannte Industriebrunnen.

Er wurde anlässlich der Großen Kunstausstellung 1913 vor dem Kunstpalast eingeweiht und sollte als Versinnbildlichung der Eisen- und Bergbauindustrie an die Industrie-und Gewerbeausstellung 1902 erinnern.

Interessant ist auch noch die seitlich des Platzes liegende neoromanische Kirche St. Antonius. Sie wurde 1905 bis 1909 erbaut. Der Turm sticht wirklich ins Auge und ist von allen Seiten schon von weitem zu sehen. Er besaß ursprünglich einen hohen spitzen Turmhelm, der aber im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

St. Antonius

Neurenaissance-Baudenkmal auf dem Fürstenwall

Nun geht es langsam zurück in Richtung Kirchplatz. Ich laufe den ganzen Fürstenwall entlang. Auch hier stehen noch zwei denkmalgeschützte Gebäude, Nummer 143 (Neurenaissance) und Nummer 191 (Neubarock).

Super interessant und unterhaltsam beschrieben hat Alain de Botton in seinem Buch „Glück und Architektur“ die Entwicklung der unterschiedlichen Stilepochen. Grob zusammengefasst sagt er, dass es sehr, sehr lange den Klassizismus, gab, den die Griechen schufen, die Römer kopierten und weiterentwickelten und der nach 1.000 Jahren in Italien bei der Renaissance aufs Neue entdeckt wurde.

Jahrhundertelang hielt man sich quasi an ein bestimmtes Regelwerk und war sich einig, wie Fenster, Türen, Säulen usw. auszusehen hatten, eben klassizistisch. Bis ein – ich sage mal – „exzentrischer“ Engländer namens Horace Walpole (Sohn des britischen Premierministers Sir Robert Walpole) sich 1747 in den Kopf setzte, etwas ganz anderes zu erschaffen. Das Mittelalter hatte es ihm angetan „mit seiner Bilderwelt voller Klosterruinen, mondbeschienener Nächte, Friedhöfe und Rüstung tragende Ritter.“ Walpole erbaute sich das erste neogotische Haus der Welt: Strawberry Hill.

Die ganze Oberschicht des Landes begann sich zu fragen, ob sie nicht auch neogotisch bauen soll. Fortan tauchten überall neogotische Gebäude auf, zunächst in Großbritannien, dann in Europa und schließlich auch in Nordamerika. Und dadurch wurde die Neugier auf andere architektonische Stile geweckt. „Architekten rühmten ihre Fähigkeit, Häuser im indischen, chinesischen, ägyptischen, islamischen, tirolerischen und jakobitischen Stil oder einer beliebigen Kombination dieser Stile errichten zu können.“

Und so war quasi das wilde Durcheinander des Historismus entstanden mit all seinen Unterarten: Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance, Neobarock, Neobyzantinismus.

Kann man sich eigentlich ganz gut vorstellen, oder? 😀

Am Ende des Fürstenwalls an der Ecke Friedrichstraße stoße ich noch auf ein interessantes Gebäude, bei dem die klassizistische Fassade in eine moderne Hülle integriert wurde.

Büros im „Fürst und Friedrich“

Wie das Alte vom Neuen umhüllt wird, sieht schon toll aus, finde ich. 🙂

Das für diesen Bau verantwortliche Architekturbüro (Sop-Architekten) schreibt: „Die opulente, historische Natursteinfassade, für die kein Denkmalschutz bestand, die den Bewohnern aber seit jeher als Identifikationsmerkmal ihres Viertels galt und den Architekten als unbedingt erhaltenswert erschien, wird von der transparenten Fläche der Glasfassade umgeben und als freigestellter Baukörper wahrgenommen.“

„Fürst und Friedrich“ heißt es, weil sich am Gebäude zwei Straßen und zwei Namen kreuzen, die für Düsseldorf große Bedeutung haben. Die Friedrichstraße wurde nach König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) so benannt (ebenso übrigens die Königsallee) und Fürst Jan Wellem (1658-1716) machte das Provinzstädtchen zur glänzenden Residenzstadt. An der Ecke stand sein Wohnsitz.

Und nun ist Schluss für heute. 🙂

Literaturtipps:

  • Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil?
  • Alain de Botton: Glück und Architektur, Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein

2 Antworten auf „Tour durch die Friedrichstadt in Düsseldorf: Ein wunderschönes Industriegebäude der Moderne, Gründerzeitbauten und ein bisschen Jugendstil

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