Brüssel (Teil 3): Rundum den Square Ambiorix im Squares-Viertel

„Oh mein Gott! So viel Eleganz können wir nicht“, denke ich, als ich den symmetrisch angelegten Square Ambiorix von seinem westlichen Rand aus erblicke. Das erinnert mich alles sehr an Paris, wo ich von der Anmut der Häuser so geflasht war, dass ich kaum weitergehen konnte. 😉 Dazu diese dramatischen Sichtachsen überall, die Gebäude und Sehenswürdigkeiten so gekonnt in Szene setzen, und ich war quasi außer Gefecht gesetzt. Einfach wow…

Das ist hier in Brüssel auch ein bisschen so mit den Sichtachsen, z.B. am Kunstberg. Natürlich haben wir das auch in Deutschland: in Berlin und München an den ehemaligen „Prachtstraßen“ und selbstverständlich gibt es auch bei uns symmetrisch angelegte Plätze in Wohnvierteln wie hier, aber in der Größe (und in dem Erhaltungszustand) kenne ich es nicht. Man möge mich verbessern, wenn es Gegenbeispiele gibt. Hier erst einmal ein paar Fotos vom Square Ambiorix…

Ich bin im sogenannten „Squares-Viertel“ in der Nähe des Europa-Viertels im ehemaligen Maelbeek-Tal. Hier befinden sich neben dem Ambiorix-Square noch der Square Marie-Louise, der Square Marguerite und natürlich: zahlreiche Art-Nouveau-Kostbarkeiten.

Über den Ambiorix-Square heißt es: „Der Architekt Gédéon Bordieu kreierte das Ensemble in einem terrassenartigen Aufbau und im Stil der Art Nouveau: mit zahlreichen Wasserspielen und Werken namhafter Künstler wie beispielsweise von Victor Rousseau oder Constantin Meunier. Lediglich der Square Marie-Louise verfügt noch über einen ursprünglichen Weiher, der mit einer Grotte und einer imponierenden Fontäne verschönert wurde“ (brüsselcitysam.de).

Die wichtigsten architektonischen Highlights (u.a. das Hôtel van Eetvelde von Victor Horta) werde ich gesondert beschreiben, hier nun ein paar Bildeindrücke der Häuser ringsum der Squares inklusive Auszüge der Beschreibungen der Häuser von der Seite „Monument Heritage Brussels“. Und vorab einige Begriffserklärungen. Die Fachsprache ist gar nicht so einfach zu verstehen, aber wenn man es mit Konzentration liest und dazu auf den Fotos nachvollziehen zu versucht, wird es interessant, denn dadurch sieht man die Details erst richtig. 😀

Kleines Lexikon der architektonischen Fachbegriffe

  • eklektisch: aus verschiedenen Quellen oder Richtungen auswählend, der Historismus ist z.B. eklektisch, weil er sich bedient hat an verschiedenen Stilrichtungen der Vergangenheit
  • Tympanon: eine Schmuckfläche in Giebeldreiecken oder im Bogenfeld von Portalen
  • Sgraffito: Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen (ausführlicher und auf den Jugendstil bezogen habe ich es hier erklärt)
  • Gesims: horizontales Bauglied, das aus einer Wand hervorragt
  • (Metall-)Sturz: Abdeckung einer Maueröffnung, entweder gibt es einen Fenster- oder Türsturz
  • Pilaster: pfeilerartiges Formelement in der Architektur
  • Sockel: unterstes Bauteil, Fundament
  • Volute: ein aus dem Französischen abgeleiteter Ausdruck für eine Schneckenform (Spirale) in der künstlerischen Ornamentik, besonders in der Architektur
  • Mansard(en)dach: weist einen Knick auf und verläuft nach dieser Unterbrechung steiler als zuvor
  • Relief: plastische Darstellung, meist aus einer Fläche oder einem Körper heraus
  • Bossen/Bossenwerk: das vorstehende Material eines Quadersteins in einer flachen Mauer; Fassaden mit Bossen sind nicht glatt, sondern haben „erhabene“ Bereiche sowie Vertiefungen
  • Archivolte: die Stirnseite eines Rund- oder Spitzbogens
  • Konsole (auch Kragstein): ein aus der Wand herausragender, tragender Vorsprung; oft ein Tragelement, auf dem andere Bauteile wie Gesimse, Bögen, Figuren, Säulen, Pilaster oder Balkone aufgesetzt sind

Interessante Häuser rundum den Square Ambiorix

Rue de Pavie 32

„Dreistöckiges Jugendstilhaus, 1898 entworfen von Victor Taelemans. Oberstes Geschoss aus Savonnières-Stein, Fenster im Erdgeschoss mit Metallsturz. Symmetrische Etagen, die von zwei seitlichen Pilastern markiert werden, die zusammen mit dem Gesims einen breiten Rahmen mit abgerundeten Ecken bilden. Das Gesims hat seinen Sgraffito-Fries verloren“ (Auszüge aus Heritage Brussels).

Boulevard Clovis 15

„Haus im Jugendstil mit asymmetrischer Komposition, das 1902 für den Unternehmer Jules Piermont entworfen wurde. Versetzt angeordnete Joche, die von Harfen eingefasst sind. Im Eingangsbereich ein dreistöckiger Erker, der locker mit der Fassade verbunden ist. Er entspringt über dem Eingang und dient als kunstvolle Krönung desselben. Im Inneren befindet sich eine Treppe mit einem originalen Holzgeländer. Im zentralen Raum des Erdgeschosses befindet sich ein bemerkenswerter Kamin aus weißem Stein im Jugendstil“ (Fotos davon siehe Heritage Brussels).

Rue des Eburon 70 & 72

Rue des Éburons 70

„Zwei Häuser im eklektischen Stil, 1898 für den Unternehmer Émile Hambresin entworfen. Fenster mit Metallstürzen, einige unter einem Entlastungsbogen, der ein mit einem Sgraffito mit Blumenmotiv verziertes Tympanon aufweist. Nr. 70: Rotes Backsteingebäude. Zur Rue Wilson hin sind die Fenster der Stockwerke durch ein Sgraffito voneinander getrennt. Nr. 72: Asymmetrisch gestaltetes, verputztes und mit roten Backsteinen versetztes Gebäude. Im Hauptjoch befinden sich Zwillingsfenster im zweiten Stock“ (Heritage Brussels).

Square Ambiorix 50, Quaker House

„An der Ecke der Rue des Éburons, dreistöckiges Herrenhaus, Architekt Georges Hobé, 1899. Das Gebäude wurde Quaker House genannt und beherbergt heute die Büros des Quaker Council for European Affairs. Das Gebäude ist in verschiedenen Elementen vom englischen Cottage-Stil inspiriert – Bogenfenster, monumentaler Kamin und Schieferdächer – sowie im Inneren vom Jugendstil, dem es die Rationalität der Räume und die dekorativen Linien entlehnt“ ( Heritage Brussels).

Rue Saint Quentin 32 & 30

Nr. 32: „Symmetrisch aufgebautes Jugendstilhaus, das um 1899 von dem Architekten Gustave Strauven entworfen wurde, möglicherweise für denselben Auftraggeber wie Nr. 30. Ausladender Sockel, durchbrochen von Fenstern mit profilierten Sockeln, die mit einem schmiedeeisernen Gitter mit Peitschenhieb-Motiven versehen und an die Fenster im Erdgeschoss angebaut sind. Brüstungen des Obergeschosses mit kleinen Pilastern mit gebogenem Profil und Gesimsfries mit Glasmalereien auf opakem Hintergrund“ (Heritage Brussels).

Nr. 30: „Haus im Jugendstil, das 1899 vom Architekten Gustave Strauven entworfen wurde. Helles Backsteingebäude, das mit orangefarbenen Backsteinen, die unterschiedlich hohe Bänder bilden, und mit kunstvollen Blausteinelementen aufgewertet wird. Balkon mit einem Balkongeländer aus Eisen. Er wird von drei ungleichen schmiedeeisernen Konsolen mit peitschenartigen Linien getragen, die sich in das Geländer verlängern. Balkon mit einem Balkongeländer aus Eisen. Er wird von drei ungleichen schmiedeeisernen Konsolen mit peitschenartigen Linien getragen, die sich in das Geländer verlängern. Glasmalerei im Stil der flämischen Renaissance: Oberlichter im Erdgeschoss mit Blumenmotiven, das Oberlicht der Tür mit einem weiblichen Profil in einem Medaillon“ (Heritage Brussels).

Rue Saint Quentin 30

Rue du Taciturne 34

Elegant!

„Dieses vom Jugendstil inspirierte Herrenhaus wurde 1900 von dem Architekten Paul Saintenoy entworfen, der das Erdgeschoss gestaltet hat. Das Gebäude befindet sich auf einem abgewinkelten Grundstück und hat eine Rückfassade an der Rue Joseph II Nr. 132. Die meisten Fenster sind breit und durch gusseiserne Säulen unterteilt; sie werden von einem oder mehreren niedrigen Bögen überragt, die einen Sturz bilden, der ein skulpturiertes Tympanon bildet“ (Heritage Brussels).

Brüsselisierung

So und als kurze Verschnaufpause mal eben die Erklärung eines Begriffs anhand eines von mir aufgenommenen Fotos. Was ich in meinem Vorwort zu Brüssel als total interessant dargestellt habe, wird von manchen Menschen scheinbar etwas anders gesehen. Und zwar das hier… 😀

Blick von der Rue Saint Quentin auf das Charlemagne-Regierungsgebäude

Brüsselisierung ist ein abwertender Begriff. Darunter versteht man laut Wikipedia „das teils unkontrollierte und unpassende Einfügen von großmaßstäblichen Neubauten modernistischer Architektur in historischen Stadtteilen, wie er teilweise in Brüssel und auch in anderen über Jahrhunderte gewachsenen Städten zu sehen ist“.

Uff. Es ist doch alles irgendwie immer eine Ansichtssache… Ich finde diesen Kontrast von Alt und Neu extrem spannend, ich kann mir nicht helfen. Andererseits muss ich dazu sagen, dass anscheinend sehr viele Art-Nouveau-Gebäude eben wegen genau solcher Neubauten abgerissen wurden, teils unter großem internationalen Protest, wie z.B. das „Maison du Peuple“, das Brüsseler Volkshaus, von Victor Horta.

Es handelt sich um ein Jugendstilgebäude, das er zwischen 1896 und 1898 für die Belgische Arbeiterpartei errichtete. Überall steht geschrieben, wie bemerkenswert das Gebäude war, das aus Eisenträgern und Eisenstützen in früher Skelettbauweise bestand und sehr viele Funktionen hatte: Es gab Büros, ein Café und einen Theatersaal. Hier kann man ein Foto davon sehen: Maison du Peuple. Trotz einer Unterschriftensammlung internationaler Architekten wurde es 1964 von der Stadt Brüssel abgerissen und Platz für den „Tour du Sablon“ geschaffen, welcher auf dem Foto unter dem Stichwort Brüsselisierung übrigens meiner Ansicht nach noch viel weniger in die Kulisse aus alten Häusern passt als es bei meinem Beispiel oben der Fall ist, wo wir eine Frontalperspektive haben und die runden Linien sehr schön mit den geraden harmonieren (meine Meinung!).

Es ist natürlich äußerst schade, dass ausgerechnet ein so tolles Gebäude wie das Maison du Peuple abgerissen wurde. Der Grund war ursprünglich wohl die Expo 58 (bei der damals übrigens auch das Atomium errichtet wurde) um Platz für Büros und Wohnblöcke zu schaffen. Nun ja, so ist das eben, manches läuft schief und alles hat immer mehrere Seiten. Wie seht ihr das? Gefällt euch der Kontrast auf meinem Foto oder findet ihr diese Kombination furchtbar? 😉

Rue Philippe Le Bon 55 und Square Gutenberg 5

„Zwei analoge Häuser im Jugendstil, die 1898 von dem Architekten Armand Van Waesberghe für denselben Eigentümer entworfen wurden. Hellgraue Ziegelfassaden, die mit roten Backsteinen und Blaustein akzentuiert wurden. Das Erdgeschossfenster und das Kellerfenster einerseits sowie die Tür und ihr Oberlichtfenster andererseits sind in einen einzigartigen Rahmen aus blauem Stein mit Schnittlinien eingefasst. Dieser Rahmen ist durch einen Vorsprung auf Höhe des Oberlichts des Erdgeschossfensters gekennzeichnet und bildet Auflagen für die Türschiene“ (Heritage Brussels).

Rue Philippe Le Bon 70

„An der Ecke der Rue de la Pacification ehemaliges Herrenhaus des Architekten Victor Taelemans, das 1901 im Jugendstil entworfen wurde. Das Gebäude wurde vom Hôtel Otlet inspiriert, das 1894 von den Architekten Octave Van Rysselberghe und Henry Van de Velde entworfen wurde (Anmerkung: hier zu sehen). In den ersten beiden Stockwerken Korbbogenfenster mit profilierter Oberseite, die im ersten Stockwerk gebrochen sind, im zweiten Stockwerk mit Querbalken. Rechteckige Fenster in der dritten Ebene. Im Erdgeschoss befinden sich zwei Erker unter einem Hufeisenbogen: die Tür zur Rue Philippe le Bon sowie ein Fenster im zweiten Erker zur Rue de la Pacification. Der in Voluten ausgeführte Bogen, der die Tür bedeckt, wird von Pfosten durchzogen, die zwei schmale Seitenfenster bilden. Das Fenster ist doppelt gekreuzt“ (Heritage Brussels).

Square Gutenberg 8

„Eklektisches, vom Jugendstil inspiriertes Haus mit asymmetrischer Komposition, das 1898 von dem Architekten Armand Van Waesberghe entworfen wurde. Hellgrauer Ziegelsteinaufsatz, der mit roten Ziegeln und blauem Stein aufgewertet wurde. Türöffnungen im Erdgeschoss mit harfenförmigen Sockeln“ (Heritage Brussels).

Square Gutenberg 19

„Eklektisches, vom Jugendstil inspiriertes Haus, Architekt Armand Van Waesberghe, 1898. Backsteingebäude mit Bögen und Bändern aus roten Backsteinen und Blaustein. Asymmetrische Fassade mit versetzten Feldern unter einem Mansardendach. Sockel mit starken Reliefs. Tür mit massivem Rahmen aus geschnittenem Blaustein“ (Heritage Brussels).

Rue du Cardinal 46

„Eklektisches, vom Jugendstil inspiriertes Haus mit asymmetrischer Komposition, das 1900 für den Ingenieur Charles Charlier von den Architekten Josse Van Kriekinge und Benjamin De Lestré-De Fabribeckers entworfen wurde. Obergeschoss aus weißem Stein, der mit rosafarbenem Stein aufgewertet wurde. Unterbau aus Blaustein mit rustikalen Bossen, durchbrochen von einem Kellerloch, das mit einem schmiedeeisernen Gitter mit geschwungenen Linien versehen ist“ (Heritage Brussels).

Rue du Cardinal 55

„Haus im eklektischen Stil mit asymmetrischer Komposition, Architekt Jules Brunfaut, 1900. Das gesamte Gebäude besteht aus weißem Stein, der von Fenstern unter einem Bogen und einer gebrochenen Archivolte durchbrochen wird. Schmiedeeiserne Brüstungsstange im Erdgeschoss, Balkon auf vier Konsolen mit Würfeln und schmiedeeisernem Gitter im ersten Stock. Tür unter Giebel und doppeltes Oberlicht mit Glasmalerei“ (Heritage Brussels).

Das war es mit dem Square Ambiorix. Beim nächsten Mal dann als allerletzter Teil noch die Krönung: die Glanzlichter, die Knüller der Art Nouveau in Brüssel! 😀

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