Jugendstil-Träume in Riga (Teil 1): Die Elizabetes iela

Wow, jetzt kann ich es endlich in natura sehen: Wie ein Dreigestirn thronen zwei riesige skulpturartige Frauenköpfe zusammen mit einer Löwen-Fratze in der Attika (der wandähnlichen Konstruktion über dem Dach). Zwischen ihnen präsentiert ein Pfau stolz seine Federn, zusammen wachen die unterschiedlichen Vier über das Haus.

Das Ensemble aus Frauenköpfen, Löwenfratze und Pfau auf dem Dach des Hauses Nr. 10b

1. Haus Elizabetes iela 10b (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1903)

Beeindruckend, welche Kraft und Stärke diese Formation in der „Elisabeth-Straße“ ausstrahlt. Als könnten ihnen weder ein Sturm noch gefährliche Eindringlinge etwas anhaben. Als wären sie tatsächlich in der Lage, das Haus bis in alle Ewigkeit zu schützen. Und es geht noch weiter: Zahlreiche Masken, geschnitzte Köpfe und geometrische Formen schmücken die Front unterhalb des Gestirns, in den oberen Etagen umsäumt von blau lasierten Ziegeln. So eine imposante Fassadengestaltung habe ich noch nie gesehen, schon allein dafür hat sich die Reise in die 1700 Kilometer entfernte Stadt gelohnt!

Elizabetes iela 10 b in Riga, Architekt Michail Eisenstein

Ich linse verstohlen zu meiner Freundin, auch sie kann den Blick von dem Haus nicht abwenden. „Es riecht anders als bei uns“, meinte sie gestern Abend als wir ankamen. Ich recke meine Nase in den Wind und stimme ihr auch heute früh wieder zu. Am ehesten erinnert mich der Geruch an Berlin: das leicht Muffige der Altbauten, kombiniert mit einem kalten, von Nordwinden gebeutelten Klima… Trotzdem ist da noch was Neues, Anderes in der Luft. Kein Wunder, befinden wir uns an diesem wolkenverhangenen Februartag so weit östlich wie noch nie zuvor, und zwar in Riga, Lettland, etwas mehr als 2 Stunden Flugzeit von Düsseldorf entfernt. Das ist ein neuer Ort für uns beide, so weit im Osten haben wir uns in Europa noch nie bewegt. Leider trüben die Wolken und der sich bereits andeutende Regen den Moment etwas. Sonne hätte den beiden in die Ferne blickenden Damen auf dem Dache etwas noch Strahlenderes, Majestätischeres verliehen. Aber man kann nicht alles haben.

Eingang Haus Elizabetes iela 10 b in Riga


Schon vor dem Trip konnte ich im Netz einen kleinen Einblick erhaschen, auf einer Reiseblogger-Seite schreibt Lars Reimers von „Alpträumen in Stuck“, vom „schwülstigen und schwülen Jugendstil des Architekten Michail Eisenstein“ (1867-1920). Er habe „seiner Fantasie ungehemmten Lauf gelassen. Herausgekommen ist dabei eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen.“ (sirenenundheuler.de)

Die Fassade wurde auf der Grundlage einer früheren Skizze von zwei Leipziger Architekten entworfen: Georg Wünschmann und Hans Kozel


Darüber muss ich schmunzeln! Natürlich kann man es so sehen: Das Haus ist komplett überladen, „too much of one thing“, um es mit einem Song der australischen Band The Go-Betweens zu sagen. Auch zum Zeitpunkt der Errichtung im Jahre 1903 wurde es heftig kritisiert. „Die Fassade erwecke den ungerechtfertigten Eindruck einer Ausstellung“, so das Urteil (Berkholz, A. Moderne rigasche Neubauten. Rigascher Almanach, 1903).
Aber abgesehen davon, ob man mit all diesen Gestalten und geometrischen Figuren etwas anfangen kann (wie ich) oder nicht: Gibt es so etwas irgendwo auf der Welt noch einmal? Allein das rechtfertigt doch die Existenz eines solchen Gebäudes, oder nicht?

2. Haus Elizabetes iela 10a (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1903)

„Guck mal, das ovale Fenster“, meint meine Freundin. „Oh ja. Echt toll! Ich glaube, ich habe gelesen, dass es die Form eines Schlüssellochs darstellen soll.“ Sie nickt zustimmend.

Das ovale Fenster in Form eines Schlüssellochs am Haus Nr. 10a

Auch dieses Haus wird von zahlreichen extravaganten Jugendstil-Ornamenten geschmückt, verantwortlich dafür war wieder der Bauingenieur und Architekt Michail Eisenstein, während das Haus selbst von dem anderen sehr bekannten Architekten Rigas, Konstantīns Pēkšēns, entworfen wurde.

Elizabetes iela 10a, Riga

Allerdings kommt es etwas eleganter, klassischer daher, aber eben auch nicht so außergewöhnlich wie sein Partnerhaus, die Nummer 10b. Ist das überhaupt Jugendstil?, frage ich mich plötzlich. Ist es nicht eher Historismus plus Jugendstil-Fassade? Ist das der Grund, warum Riga in keinem einzigen meiner Architekturbücher über den Jugendstil vorkommt? Oder liegt es daran, dass Lettland bis 1991 Teil der UdSSR war und folglich schwer erreichbar, abgeschottet war? Fragen, die noch zu klären sind, doch vorerst werde ich geradezu von der Fassade des gegenüberliegenden Hauses erschlagen:

3. Haus Elizabetes iela 33 (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1901)

Elizabetes iela 33, Architekt Michail Eisenstein

Auf der Seite Jugendstil.riga.lv steht: „Das farbenfroh dekorierte Gebäude ist schon von weitem zu sehen und stellt den ersten Versuch des Bauingenieurs Michail Eisenstein dar, die neu in Mode gekommenen Ornamente des Jugendstils zu verwenden. Es gibt dekorative Masken, stilisierte Pflanzen und geometrische Formen in einer satten, rhythmischen und eklektischen Gesamtkomposition. Eisenstein verwendete Elemente fast aller historischen Baustile, die ihm einfielen, von der römischen Architektur über die Renaissance und den Barock bis hin zum Klassizismus.“

Aha. Hatte ich nicht gerade im Reiseführer was vom „eklektizistisch-dekorativem Jugendstil“ gelesen? Das muss es wohl sein. Was das das für eine Arbeit gewesen muss, all diese Figuren herzustellen. Aber ein Fest für’s Auge…

4. Haus Antonijas iela 8 (Architekt Konstantīns Pēkšēns, erbaut 1903)

Geflügelte Drachen unter dem Erker des Hauses Antonijas iela 8, Architekt Konstantīns Pēkšēns

Wir schlendern weiter. „Guck mal, wie süß sind denn diese Drachen?“, rufe ich verzückt. „Die würde ich mir vielleicht auch vor die Tür machen lassen.“ Meine Freundin sieht mich skeptisch an. „Kann ich mir gar nicht vorstellen bei dir“, meint sie. Ich zucke mit den Schultern. Während sie in der westlichen Mythologie Ungeheuer darstellen, gelten sie in der ostasiatischen Symbolik als Glücksbringer. Wie auch immer, diese hier bedienen doch irgendwie das Kindchenschema und lösen bei mir eher „Ach, wie goldig“-Rufe aus. 😉

Die Elizabetes iela befindet sich übrigens genau wie die Alberta iela in der Neustadt Rigas, auch Zentrum genannt („iela“ bedeutet „Straße“ auf Lettisch). Der andere bedeutsame Teil der Stadt, für den wohl die allermeisten Menschen hierherkommen, ist die Altstadt, welche mittelalterlich und auch hanseatisch geprägt ist. Jugendstil-Gebäude gibt es aber auch dort. Im nächsten Teil zeige ich zunächst die Alberta iela, die als die schönste Jugendstil-Straße in Riga gilt. Sie ist nach dem deutschen Bischof Albert benannt, der Riga im 13. Jahrhundert gründete. Dort erwarten euch noch mehr prächtige Fassaden, spannende Details und interessante Fotos. 🙂

Infos Riga

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