
Wie die Jugendstil-Häuser in Riga entstanden
Nun stehen wir hier, sozusagen im Jugendstil-Himmel… Die Alberta iela wird in jedem Reiseführer als die Jugendstil-Straße Rigas aufgeführt (neben der Elizabetes iela, die ich in Teil 1 beschrieb), und die meisten Gebäude hier stammen vom bereits erwähnten Architekten Michail Eisenstein. Wie auch in anderen europäischen Städten, gab es aufgrund der Industrialisierung (die ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann) und des Bevölkerungszuwachses einen Bauboom. Das alte Zentrum, die mittelalterliche Stadt mit ihren Stadtmauern und Befestigungsanlagen, war nicht mehr groß genug und man entschloss sich, an der Stelle der Stadtmauer Parks mit kleinen Kanälen anzulegen. Die Neustadt (das jetzige Zentrum) wurde ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts quasi dahinter angelegt und 40 Prozent der Häuser davon um die Jahrhundertwende, was bedeutet, dass etwa jedes dritte Haus ein Jugendstil-Haus ist. Insgesamt gibt es etwa 800 Jugendstilbauten in Riga! (Keine Sorge, ich werde nicht alle aufführen. 😉 )
Diese wurden in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen, dort heißt es: „Riga wurde im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum, als die Vororte rund um die mittelalterliche Stadt angelegt wurden, zunächst mit imposanten Holzgebäuden im neoklassizistischen Stil und später im Jugendstil. Es ist allgemein anerkannt, dass Riga die schönste Sammlung von Jugendstilgebäuden in Europa besitzt.“

Wie das immer so ist, waren diese Häuser natürlich vor allem für die wohlhabende Oberschicht gedacht, während im Arbeiterviertel katastrophale Wohn- und Lebensverhältnisse herrschten… Ich werde noch kurz etwas zu Michail Eisenstein sagen und dann einige der Häuser auf der Alberta iela vorstellen. Diese Gegend wird übrigens auch „ruhiges Zentrum“ genannt. Es befindet sich in der Nähe der großen Boulevards, aber von der Hektik und dem Trubel dort ist hier nichts zu spüren.
Michail Eisenstein
Michail Eisenstein wurde 1867 in Sankt Petersburg als Sohn einer deutschbaltischen Kaufmannsfamilie geboren. Dort studierte er Bauingenieurswesen, lernte seine Frau Julia kennen und zog mit ihr nach Riga. 1900 wurde er Leiter der Verkehrsabteilung des Gouvernements Livland, war aber so begeistert von der Architektur, dass er nebenher als Privatarchitekt arbeitete. Anfänglich noch im Historismus der Zeit verhaftet, vollzog sich durch die Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 eine krasse Wendung in seinem Schaffen. Durch Zeitschriften und Beschreibungen lernte er den neuen Stil – Art Nouveau/Jugendstil – kennen. Er schuf 50 Jugendstil-Häuser in Riga. Seine Architektur war neu und spektakulär, und obwohl er zu Beginn als „verrückter Zuckerbäcker“ kritisiert und verspottet wurde, wurde er später als ein Meister des Jugendstils anerkannt.
1. Haus Alberta iela 2a (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1906)





Die Webseite jugendstils.riga.lv beschreibt das Haus folgendermaßen: „Eines der letzten eklektisch dekorierten Jugendstilgebäude, die in Riga errichtet wurden. Zum Schutz stehen am Eingang zwei Sphinxen. Der Jugendstil bediente sich häufig ägyptischer Motive. Besonders beliebt war die Sphinx, die als Symbol der Sonne und des Schutzes galt. Die Dekorationen des Gebäudes verwenden geometrische und stilisierte Ornamente. (…) Das Gebäude verfügt über einen Dachboden, der nur für die Platzierung dekorativer Elemente benötigt wird – Fensteröffnungen, durch die man den Himmel sehen kann, Maskarone und verschiedene geometrische Ornamente.“
Interessant mit diesem „falschen Stockwerk“, oder? Es hat eine rein dekorative Funktion. Und das Beste kommt noch: Die blauen Kacheln in der Mitte des Hauses (im Foto unter diesem Beitrag ziemlich weit unten am Rand zu sehen) erinnern an das von Joseph Maria Olbrich in Darmstadt errichtete „Blaue Haus“. Hier kann man es sehen. Herr Eisenstein hat sich offenbar von den „Darmstädtern“ inspirieren lassen. 🙂

2. Haus Alberta iela 4 (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1904)




Bei jugendstils.riga.lv heißt es: „Die symmetrische Komposition wird durch den zentralen Vorsprung hervorgehoben, der von einem weit aus der Fassade herausragenden Metallgesims gekrönt wird. Die Attika über dem Gesims zeigt drei schreiende Medusen-Köpfe. Ähnliche Motive finden sich auch im Sezessionsgebäude von Joseph Maria Olbrich in Wien. Über den Medusen-Köpfen befinden sich kleine Türmchen mit Adlerfiguren und anderen Verzierungen. Die seitlichen Vorsprünge sind mit Löwenfiguren verziert, die Sicherheit und Schutz symbolisieren. Die Fensteröffnungen im mittleren Teil der Fassade sind ungewöhnlich, entsprechen aber der Mode des Jugendstils. Im zweiten Obergeschoss erinnern sie an den Buchstaben „T“, im vierten Obergeschoss sehen sie wie Schlüssellöcher aus, und im dritten Obergeschoss fließen sie optisch zu einem großen Oval zusammen, obwohl sich hinter den Fenstern drei verschiedene Räume aus zwei unterschiedlichen Wohnungen befinden“. Übrigens kann man auf der Seite auch Fotos vom Inneren der Häuser sehen. Bei diesem hier ist das Treppenhaus sehr schön gestaltet.
3. Haus Alberta iela 6 (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1904)

Besonders markant ist der Eingang mit den ausdrucksstarken Maskaronen, „die den Lebensweg des Menschen symbolisieren“ (jugendstils.riga.lv).

4. Haus Alberta iela 8 (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1903)

„Ein weiteres sehr ausdrucksstarkes Beispiel für den eklektizistisch-dekorativen Jugendstil und eine reiche Fassadengestaltung. Der am stärksten verzierte Teil des Gebäudes ist der zentrale Vorsprung, der an einen Baum erinnert. An der Spitze des Baumes befindet sich ein Löwenkopf, der Stärke und Macht symbolisieren soll. Die Fassade ist rhythmisch mit Pilastern gegliedert, die jeweils mit ausdrucksstarken Maskaronen von Frauenköpfen verziert sind und so die Schönheit darstellen. Die Fenster sind mit dekorativen Reliefs verziert, die die Masken furchterregender Ungeheuer darstellen. Diese sollten den Frieden der Bewohner des Gebäudes schützen. Die Fassade des Bauwerks besteht aus blauem Backstein und hellem Putz“ (jugendstils.riga.lv).
Dem sei nichts hinzufügen, außer ein paar Fotos.


5. Haus Alberta iela 12 (Architekt Konstantīns Pēkšēns und Eižens Laube, erbaut 1903)
Hier haben wir ein Haus, das von Konstantīns Pēkšēns erbaut wurde, dem anderen bekannten Architekten Rigas, welcher ungefähr 250 Gebäude in Riga gestaltete. Dieses Gebäude gehörte ihm selbst und er wohnte auch darin und zwar im ersten Stock (inklusive Atelier). Er konzipierte es zusammen mit dem Architekturstudenten Eižens Laube. Im fünften Stock befand sich die Wohnung des bedeutenden lettischen Malers Janis Rozentāls. Er lebte und arbeitete hier von 1904 bis 1915. Inzwischen befindet sich genau dort das Rigaer Jugendstilmuseum, eine Rekonstruktion der damaligen Jugendstilwohnung. Das Treppenhaus ist eine Augenweide, doch mehr dazu im nächsten Blogartikel.
Konstantīns Pēkšēns
Konstantīns Pēkšēns wurde 1859 im Gouvernement Livland geboren und studierte Ingenieurwissenschaften am Rigaer Polytechnikum. Er war einer der ersten professionellen lettischen Architekten und leitete sein eigenes Architekturbüro. Neben seiner architektonischen Tätigkeit war er auch in der Rigaer Lettischen Gesellschaft aktiv und beteiligte sich an der Herausgabe mehrerer lettischsprachiger Zeitschriften. In Riga ist eine Straße nach ihm benannt. Er verstarb am 23. Juni 1928 während eines Kuraufenthalts in Bad Kissingen, Deutschland.

„Es handelt sich um ein enorm mächtiges Gebäude mit einer sehr ausdrucksstarken Silhouette. Es gibt mehrere ausgeprägte Vorsprünge, Erker, Balkone, Loggien, Giebel, einen Eckturm und massive Eingangsportale. Ein Teil der Gestaltung erinnert an die Architektur der Renaissance und des Mittelalters, aber das Gesamtbild des Gebäudes ist eindeutig von der Nationalromantik geprägt. Die meisterhaft in die Fassade eingearbeiteten ornamentalen Reliefs zeigen stilisierte Motive aus Flora und Fauna – Tannennadeln, Tannenzapfen und Eichhörnchen“ (jugendstils.riga.lv).


6. Haus Alberta iela 13 (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1905)




Schön beschrieben wird dieses sehr reich geschmückte Gebäude von den Autoren der Seite jugendstils.riga.lv:
„Die zentralen Vorsprünge beider Fassaden werden von mehrstufigen Giebeln voller skulpturaler Reliefs von Masken, Drachen, Kartuschen, geraden und geschwungenen Linien, Kreisen und anderen geometrischen Figuren gekrönt. (…) Die Fassade bietet zudem einen guten Einblick in das für den Jugendstil so typische Frauenbild. Über dem Dachgesims befinden sich Vollskulpturen, über dem Hauptgesims zahlreiche große und kleine Masken, Büsten und an der Ecke des Gebäudes ein verherrlichendes Relief voller inspiriertem Pathos. Manche Gesichter der Frauen sind verträumt, andere lachen und wieder andere haben sich vor Entsetzen den Kopf gepackt. (…) Der Pfau mit seinen ausgebreiteten Schwanzfedern war im Jugendstil ein häufiges Symbol für Ruhm. Es gibt Ritterköpfe, die dafür sorgen, dass die weibliche Schönheit richtig geschützt wird. Wir sehen Blumen und geometrische Formen voller typischer Jugendstillinien“ (jugendstils.riga.lv).



7. Haus Strelnieku iela 4a (Architekt Michail Eisenstein, erbaut 1905)

In diesem Gebäude befindet sich eine Bildungseinrichtung: die School of Economics.



Die Maske auf dem rechten Bild oberhalb dieses Textes erinnert mich ja irgendwie an Star Wars- oder andere Science-Fiction-Filme. 😉 Tatsächlich las ich vorher irgendwo in den Beschreibungen der Häuser davon, dass diese Masken von griechischen Soldatenmasken inspiriert sind, das heißt also, auch die Filmemacher haben sich durch diese antiken Uniformen inspirieren lassen. Gott sei Dank, das wäre ja sonst eine Vorwegnahme der Zukunft gewesen, was der Michail Eisenstein sich da ausgedacht hat. Das hätte mich etwas beunruhigt. 😉

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, dass die Häuser, die ich gerade vorgestellt habe, natürlich zum Besten und Schönsten gehören, was Riga zu bieten hat. Klar ist, dass sich alles nach der Unabhängigkeitserklärung der Letten 1991 total auf die Restaurierung dieser Häuser konzentriert hat, während ein paar Straßenzüge weiter viele andere Häuser noch darauf warten, aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt zu werden.
Infos
- Rigas Jugendstilzentrum: jugendstils.riga.lv
- Lettische Tourismusseite: 10-must-see-riga

