Habt ihr auch schon mal in einer Ausstellung gestanden und gedacht: „Dafür bin ich irgendwie zu dumm?“ 😉 Dem Hubby und mir ist es so ergangen, als wir letzte Woche das K21 besucht haben. Die verlockende Werbung hatte uns neugierig gemacht: “Mike Kelleys Werk – experimentell, opulent und verstörend, und es gilt als eines der einflussreichsten seit den späten 1970er-Jahren.” So zogen wir los zum prächtigen Ständehaus am Kaiserteich, das unter anderem als ehemaliges Landtagsgebäude diente.


Monkey Island
Ich kann gleich sagen: Es wurde immer besser. Doch der erste Ausstellungsraum, in dem das Kunstwerk “Monkey Island” präsentiert wird, ließ uns etwas verwirrt zurück. Was, um Gottes Willen, soll uns das Sammelsurium an Kuriositäten hier sagen?
Ursprünglich setzte sich “Monkey Island” aus verschiedenen Kunstwerken und Texten zusammen. Der Künstler verwandelte dies in eine Performance, bei der er ein leeres Blatt Papier zweimal diagonal faltete und es anschließend wieder entfaltete, sodass ein X sichtbar wurde. Auf den vier entstandenen Flächen trug er Begriffs-Gegensatzpaare ein, wie Leben/Tod oder Ohren/Füße. Die Zeichnung entwickelte sich stetig weiter und nahm schließlich die Form einer Landschaft an.
Die Informationstafel der Ausstellung half uns, das Kunstwerk besser, also zumindest ein bisschen zu verstehen: Kelley erschuf ein Diagramm, das wie eine alternative Welterklärungsformel aussah. Mit all diesen Elementen (siehe Fotos) hinterfragte er den Anspruch der Wissenschaft auf Erklärungen und die Annahme, dass die Realität aus ewigen Strukturen besteht, die sich durch Sprache und Bilder entschlüsseln lassen. Wir mussten uns etwas anstrengen, all dies bei den Objekten im Raum nachzuvollziehen, doch man lernt ja gerne dazu.




The Poltergeist
Die folgenden Ausstellungsexponate waren für uns etwas verständlicher. Der Künstler sah eine Parallele zwischen okkultistischen Ritualen und dem künstlerischen Schaffensprozess, da in beiden Fällen zuvor nicht existierende Dinge erschaffen und Ideen in physische Objekte transformiert werden. In seinen Foto-Text-Arbeiten inszenierte er sich als spiritistisches Medium, aus dem Ektoplasma hervorquillt – eine Substanz, die angeblich aus den Körperöffnungen eines Mediums austritt. Irgendwie auch zum Schmunzeln, diese Fotos und Überlegungen zum Poltergeist, oder?


Das alles rief bei mir Assoziationen zu den in den 1980er-Jahren produzierten Poltergeist-Filmen (Regie beim ersten: Steven Spielberg) hervor und passte gut zu dem, was in der Ausstellung über Mike Kelley geschrieben wurde: Im Jahre 1954 geboren, fühlte er sich prinzipiell entfremdet, da er weder zur Generation der Nachkriegskinder gehörte noch für das Hippietum infrage kam, weil er dafür zu jung war: „Ich war mediatisiert, ich war Pop. Ich fühlte mich in keiner Weise verbunden mit meiner Familie, mit meinem Land oder gar der Realität: Die Welt erschien mir als Medienfassade und Geschichte insgesamt als Fiktion – ein Haufen Lügen. Ich erlebte, glaube ich, was später als der postmoderne Zustand bekannt wurde (…)“ (Mike Kelley ). Genau über dieses Phänomen der neuen medialen Wirklichkeit hatte ich ja bereits in dem Ausstellungstipp zur Postmoderne (hier) geschrieben.
Höhepunkt: Half a Man
Das Kunstwerk, das ich wirklich toll fand, ist zugleich eins, mit dem er in den späten 1980er-Jahren seinen internationalen Durchbruch erlebte:



Der bunte „Teppich“ aus selbst gehäkelten Puppen, Decken und Tieren (die er auf Flohmärkten und bei Garagenverkäufen fand) ist eine wahre Augenweide und erscheint von weitem wie ein Gemälde. Der Titel „Mehr Liebesstunden, als jemals zurückgezahlt werden können“ weist auf die Machtverhältnisse innerhalb von Familien hin. Eltern, die Zeit aufwenden, um Dinge für ihre Kinder herzustellen, erwarten vielleicht unausgesprochen eine Gegenleistung vom Kind. „Aber nichts Materielles kann zurückgegeben werden, denn das Kind besitzt nichts. Was zurückgegeben werden muss, ist die Liebe selbst.“ (Ausstellungstext)
Genial, oder? Hat das nicht jeder Mensch erlebt? Ertappt fühlte ich mich bloß, als ich die Decke mit Spielzeug für die Hunde erblickte. Erwarte ich nicht auch, dass mein Hund mich „liebt“, als Gegenleistung für alles, was ich für ihn tue?
Day is done

Der Hubby fand sein Glück im letzten Raum, der sich mit den dunklen Seiten des Abends, mit dem Unheimlichen der Nacht, aber auch mit den Feiern und Exzessen beschäftigt, die wir am Feierabend erleben. Fotografien aus Highschool-Jahrbüchern und Video-Installationen aus der vordigitalen Welt der 1980er- und 1990er-Jahre kreieren eine unheimliche und zugleich anziehende Atmosphäre. Irgendwo dazwischen die Silhouette einer nackten Tänzerin, aber geht hin und guckt es euch selbst an. Es lohnt sich, auch wenn man manchmal etwas länger braucht, um zu begreifen!

