Tour durch den kleinsten Stadtteil Düsseldorfs: Die Carlstadt

Angenehme Atmosphäre aus vergangener Zeit: Bildung, Geist und Schönheit

Der Ort, zu dem es mich grundsätzlich hinzieht, wenn Samstag ist oder ich in „die Stadt“ fahren möchte, ihr ahnt es schon, ist die Carlstadt. Für mich ist es einer der schönsten Stadtteile Düsseldorfs, wenn nicht sogar der allerschönste. Die Carlstadt – benannt nach dem Kurfürsten Carl Theodor (1724-1799) – liegt direkt neben der Altstadt und beeindruckt mit hübschen zwei- bis dreigeschossigen Häusern, ihren klassizistischen Fassaden und hochwertigen, inhabergeführten Geschäften – oft Antiquitätenläden oder Schmuckgeschäfte.

Schlendert man weiter, führen alle Wege unwillkürlich zum trubeligen Carlsplatz, wo die Leute durch das bunte Angebot der Marktstände umherbummeln oder sich – dem Stress der Woche entledigt -, ein Bier oder ein feines Essen gönnen (manchmal auch aus der Gulaschkanone). Alles atmet spezielles Flair und versprüht eine angenehme Atmosphäre aus vergangener Zeit: einer Zeit der Bildung, des Geistes, der Schönheit – möglicherweise eine Idealvorstellung, die aber Hoffnung in sich trägt und die Gewissheit, dass es immer weitergeht. 🙂

Drei Highlights der Carlstadt

Vorstellen möchte ich drei Highlights, die meiner Ansicht nach darstellen, was die Carlstadt ausmacht.

1. Schachbrett-Straßen (vor allem Hohe Straße, Bilker Straße, Bastionstraße) mit klassizistischen Fassaden und dem ein oder anderen Palais

Sie unterscheiden sich voneinander. Die Hohe Straße ist mehr durchsetzt von Neubauten und Geschäften, die Bilker Straße dagegen etwas ruhiger und dafür von schönsten Patrizierhäusern und Stadtpalais geprägt… Aber alle sind einen Spaziergang wert. Meine Lieblingsstraße ist die Bilker Straße, wieso, weiß ich nicht genau. Ist es das Heinrich-Heine-Institut oder das Palais Wittgenstein, in dem sich das Düsseldorfer Marionettentheater und das Institut Francais befinden? Oder das Schumann-Haus, in dem Clara und Robert Schumann ab 1852 lebten, ein Barockbau von ca. 1800?

Palais Wittgenstein
Palais Wittgenstein

Oder mag ich die etwas abseits gelegene Citadellstraße noch mehr, die übrigens darauf hinweist, was sich hier einst befand, nämlich eine Zitadelle, das heißt eine Festung inmitten der Stadt, also ein Rückzugsort bei feindlichen Angriffen…? Hier befindet sich auch die Maxschule und ein gut sortiertes Antiquariat, passenderweise „Heinrich Heine Antiquariat“ genannt. Dieser lebte übrigens nicht im Haus des Heinrich-Heinrich-Instituts in der Bilker Straße (in dem sich auch eine sehenswerte Dauerausstellung über ihn befindet), sondern er wurde in der Bolker Straße 53 (heutige Altstadt) geboren, welches Heine-Haus genannt wird und einen Literaturtreff und eine Literaturhandlung enthält. Inzwischen ehrt man den kritischen Künstler ja, zu früheren Zeiten konnte man seine Qualitäten wohl noch nicht so erkennen.

Zitat Harry Heine an einer Häuserwand

Citadellstraße
Benrather Straße mit Blick auf die Max-Kirche
Bastionstraße mit Blick auf den Turm des Stahlhofs

Welche der Straßen nun die allerschönste sei, bleibt jedem selbst überlassen. In jedem Fall lohnt es sich, einmal durch alle zu flanieren und sich vom besonderen Zauber abseits des Altstadttrubels einfangen zu lassen.

Eine Jugendstil-Fassade habe ich übrigens auch passiert, in der Hohen Straße 51. 🙂

Jugendstil-Fassade

2. Monumentalarchitektur und Backsteinexpressionismus in der Bastionstraße und in der Breiten Straße

Stahlhof

Bastionstraße 39

Eins der imposantesten Gebäude Düsseldorfs befindet sich an der Ecke Breite Straße/Bastionstraße: der „Stahlhof“. Heutzutage residiert hier das Verwaltungsgericht, ursprünglich wurde das Gebäude 1906-1908 nach Entwürfen von Johannes Radke und Theo Westbrock für die Stahlwerksverband AG errichtet. Auf den ersten Blick sieht man das Ansinnen der so genannten „Stahlbarone“: Man wollte Macht ausstrahlen. Das erreicht man natürlich schon durch schiere Größe. Im Architekturführer Düsseldorf (Roland Kanz und Jürgen Wiener, 2001) heißt es: „Der symmetrisch um zwei Innenhöfe herum angelegte, viergeschossige Baukörper zieht seine Monumentalität aus der Kombination von Masse und Struktur: Zusätzlich zu seiner Schwere wird dem Baukörper durch die zwischen die langen Pilaster zu stabilem Gitter gewordene Mauerfläche, dem hoch ausgebauten und mit Schmuck versehenen Dachgeschoss Würde verliehen.“ Im Dachgeschoss stellen übrigens zahlreiche Figuren allegorisch die Industrie und den Handel dar. Der gesamte Komplex wird als eine Mischung der Bauepochen Eklektizismus und Jugendstil gesehen (Baukunst NRW).

Fassade mit rotem Sandstein verblendet

Stummhaus

Gleich nebenan, an der Breiten Straße 67-69, befindet sich das „Stummhaus“, auch „Neuer Stahlhof“ genannt, ein „Musterbeispiel des Expressionismus“ (Roland Kanz und Jürgen Wiener, Architekturführer Düsseldorf, 2001). Erbaut wurde es 1922 bis 1924 nach Plänen von Paul Bonatz, ursprünglich für den Stumm-Konzern, einem Unternehmen der Hüttenindustrie. Es gilt als eins der ersten deutschen Hochhäuser.

Stummhaus, typischer Backsteinexpressionismus mit 11 Geschossen
Pförtnerhäuschen
Neuer Stahlhof und Alter Stahlhof grenzen aneinander
Stummhaus mit weit herauskragenden, dreieckigen Pfeilern

Walzstahlhaus

Neoklassizistisch kommt hingegen das nicht weniger mächtig wirkende Gebäude auf der Rückseite, in der Kasernenstraße 36 gelegene „Walzstahlhaus“ daher.

Es wurde 1938-1940 nach Entwürfen der Architekten Heinrich Roskotten und Karl Wach als Verwaltungsgebäude für den Walzstahlverband gebaut. Heute residiert hier die AOK Rheinland/Hamburg.

Weitere architektonisch interessante Gebäude in der Umgebung…

Bastionstr. 24/Luisenschule, von demselben Architekten konzipiert wie der Stahlhof (Johannes Radke): Reformarchitektur mit Jugendstil-Elementen
Breite Straße 25, 1911-1912 für den Barmer Bankverein erbaut im Stil des Neoklassizismus

3. Stille Oase hinter dem Spee’schen Palais

Wie bereits erwähnt, ist die Carlstadt nicht so trubelig wie die Altstadt Düsseldorfs. Nur der Carlsplatz, der zwar einen herrschaftlichen Namen trägt, aber hauptsächlich leider nicht mehr von historischen Gebäuden flankiert wird, sondern eher durch Nachkriegsarchitektur geprägt ist, strahlt eine angenehme Quirligkeit aus. Und dennoch gibt es eine „Prise Entspannung und Frieden obenauf“ in dieser eher ruhigeren Gegend, nämlich an einem leicht versteckten Ort, für den man am Palais Spee einige wenige Treppenstufen hinaufgeht… Um dort von einem kleinen Park und einem hübschen Rosengarten überrascht zu werden. 🙂

Palais Spee mit Rosengarten
Spee’scher Graben
Palais Spee von der Rückseite, heute Stadtmuseum
Palais Spee von der Vorderseite

Es fällt mir ein bisschen schwer, mir das alles vorzustellen, aber ursprünglich war Düsseldorf eine Festung. Mit Erweiterungen und Zusatzbauwerken wie einer Zitadelle und Bastionen und dazugehörigen Wassergräben schützte man sich vor Feinden. Durch (späteren) Umbau entstand unter anderem der Spee’sche Graben mit Schwanenspiegel und Kaiserteich im Süden der alten Kernstadt. Den Kaiserteich kann man bei meinem Ausstellungstipp zu Mike Kelley sehen.

Zu dem Spee’schen Graben gehört das Palais Spee, in dem heutzutage das Stadtmuseum untergebracht ist. Wer sich für die Stadtgeschichte interessiert, dem sei ein Besuch empfohlen. Ein postmoderner Anbau erweitert das ursprüngliche Gebäude, dort befindet sich auch der Eingang.

Hier noch ein paar Bild-Impressionen rund um das Spee’sche Palais…

Blick von der Schulstraße (Carlstadt) in die Hafenstraße (Altstadt)
Hotel Orangerie, im Hintergrund die Maxkirche
Maxplatz
Mariensäule am Maxplatz

Infos:

-Route: Jedem Menschen sei die Route selbst überlassen, aber ich fand es ganz praktisch, am Graf-Adolf-Platz (U-Bahn) zu starten und mich dann von Ost nach West durchzuschlagen. Hier eine kleine Skizze:

Literatur:

1. Architekturführer Düsseldorf. Herausgegeben von Roland Kanz und Jürgen Wiener im Dietrich Reimer Verlag. 1. Auflage 2001

2. Düsseldorf zu Fuß. 19 Stadtrundgänge durch Geschichte und Gegenwart. Udo Achten u.a.. Klartext-Verlag. 1. Auflage 2009

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