Ausstellungstipp: „Heilung der Erde – 50 Jahre Deutsch-Mongolische Freundschaft“ in der Kunsthalle Düsseldorf (29.06. – 08.09.2024)

Neulich habe ich eine interessante Ausstellung in der Kunsthalle am Grabbeplatz in Düsseldorf besucht. Es gibt mindestens vier Gründe, warum ich sie sehenswert fand. 🙂

1. Die Präsentation einiger faszinierender Kunstwerke

Am überzeugendsten finde ich Kunst, wenn sie etwas in mir auslöst: Erstaunen, Heiterkeit, Freude oder auch Verwirrung, Empörung oder Anregungen zum Nachdenken. Das ist nicht immer der Fall, wahrscheinlich ist es wie im realen Leben: Manchmal passt man zusammen, manchmal eher nicht.

In dieser Ausstellung waren es genau zwei Künstler, die für mich auf diese Art und Weise herausragten. Beide verwenden das Symbol, das vor einigen Jahren im Mainstream angekommen und damals auf vielen Taschen, T-Shirts und anderen Accessoires zu finden war: den Totenschädel.

In jener Zeit traf es nicht meinen Geschmack oder war mir gleichgültig. Umso größer war meine Überraschung, dass der Einsatz desselben Symbols diesmal etwas komplett anderes bewirkte: nämlich Freude und Verzücken bei den Werken der Künstlerin Nomin Bold und Erschrecken beim Betrachten des Werkes des Künstlers Orchibold Ayurzana.

Nomin Bold, Sav Shim, 2022, Textil/Mixed Media
Nomin Bold, Sav Shim, 2022

Kann der Tod niedlich sein? Darf ich beim Anblick eines Totenschädels positive Gefühle haben? Kann das Ende des Lebens vielleicht auch etwas Positives sein? Können wir möglicherweise anders mit dem uns alle drohenden Ende umgehen? Und was bedeutet das alles für unser Leben? Wie können wir sinnvoll leben in der kurzen Zeit, die wir haben? Fragen, die wir uns gewöhnlicherweise nicht stellen… und die mir spontan beim Anblick dieser Werke gekommen sind.

Ganz anders hingegen dieses Kunstobjekt: von weitem wie ein Esstisch in einer neureichen Villa…

Orchirbold Ayurzana, Jangar, 2022

Von nahem: ein Blick in den Abgrund.

Orchirbold Ayurzana, Jangar, 2022

Im Ausstellungstext, der übrigens nur über QR-Codes abgehört werden kann, heißt es über das Kunstwerk „Jangar“ des Biennale-Künstlers. „Es werden 44 Füße mit totenschädelartigen Köpfen präsentiert: vier mit einem bösen Auge, sechzehn mit zwei menschlichen Augen und vierundzwanzig mit drei weisen und in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blickenden Augen. (…) Der Künstler ist Stahlbildhauer und erforscht gesellschaftliche und verhaltensbezogene Veränderungen in der globalisierten Welt. (…) Er schafft sozialkritische Werke, die auch den Wunsch nach einem erweiterten Bewusstsein und einer Verbindung zur spirituellen Dimension widerspiegeln.“

Die spirituelle Dimension fand ich hier sehr spürbar…

2. Die Erweiterung meines Wissens über die Beziehungen zwischen Deutschland und der Mongolei

Anlass der Ausstellung ist die in diesem Jahr 50 Jahre langwährende Freundschaft zwischen der Mongolei und Deutschland. Den meisten kommen wohl ähnlich wie mir sofort Bilder von der unendlich weiten Steppe, Nomaden auf ihren Pferden und in ihren Jurten in den Sinn.

Postkarte eines mongolischen Künstlers, erstanden bei der Ausstellung „Dschingis Khan“ 2005 in der Bonner Kunsthalle

Viele wissen vielleicht genau wie ich nicht, dass wir schon länger eine Verbindung zu diesem Land haben: 1974 nahm die damalige Bundesrepublik diplomatische Beziehungen mit der Mongolei auf. Tatsächlich reichen die Beziehungen aber noch viel länger zurück. Schon ab den 1920er-Jahren gab es Handelsbeziehungen und im Jahr 1926 kamen mongolische Studierende nach Deutschland. Die DDR unterhielt eine besonders tiefe Freundschaft mit der Mongolei, was bis heute die Beziehungen prägt (nachzulesen hier in dem Artikel über den Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 07.02. 2024 in der Mongolei). Ein Prozent der Mongolinnen und Mongolen sprechen Deutsch! Seit der Mongolischen Revolution von 1990 ist die Mongolei eine Demokratie – eingezwängt zwischen den beiden Autokratien Russland und China. Weshalb sich westliche Mächte bemühen, die Freundschaft zu pflegen und die Beziehungen auszubauen (Nachzulesen bei einem Bericht der Tagesschau anlässlich des Besuchs des Bundespräsidenten in Ulaanbaatar).

3. Die (erschreckende) Erkenntnis, dass sich heutige Künstlerinnen und Künstler (egal wo auf der Welt) alle mit ähnlichen Themen und Fragen beschäftigen

In der Ausstellungsbroschüre heißt es: „In den Werken von 18 zeitgenössischen Künstler*innen werden in der Ausstellung Arten und Weisen erprobt, die gegenwärtigen Weltverhältnisse zu be- und hinterfragen. Im Geflecht der unterschiedlichen Werke in vielfältigen Medien bietet sich möglicherweise die Chance, die oftmals überhebliche Haltung des Westens zu verlernen und in unvorhersehbaren Allianzen nach anderen, lebenswerten Zukünften zu fragen: Welche Heilung für welche Erde?“

Incubator, 2017, Munkhtsetseg Batmunkh

In den verschiedenen Kunstwerken, die aktuell in der Kunsthalle bis zum 8. September betrachtet werden können – und meiner Meinung nach nicht nur dort, sondern auch in vielen anderen Ausstellungen zur Gegenwartskunst (zumindest in denen, die ich in letzter Zeit besucht habe) – tauchen immer wieder dieselben Themen auf: Wie gehen wir mit der Umwelt um? Wo stehen wir heute in Bezug auf den zwischenmenschlichen Umgang, auch global? Und wie können wir in Zukunft Schaden und Zerstörung vermeiden? Woraus sich für mich automatisch die Frage ergibt: Was kann ich persönlich tun? Doch wenn man dann die Ausstellung verlässt und sich in den unendlichen Einkaufsströmen der Düsseldorfer Innenstadt wiederfindet, überkommt einen ein seltsames Gefühl… Zumindest ich habe manchmal etwas Schwierigkeiten, mit der Widersprüchlichkeit (in meinem eigenen Handeln) zurechtzukommen.

4. Die Architektur der Kunsthalle

Und nicht zuletzt ist noch die außerordentliche Architektur des Gebäudes zu erwähnen. 🙂 Die Kunsthalle ist ein typisches Beispiel des Brutalismus, wir erinnern uns, das Wort stammt von „Beton Brut“ (Roher Beton, Sichtbeton), nicht von „brutal“. Stark kritisiert wurde es bei der Errichtung 1967 – von 5 Professoren der Kunstakademie, man forderte den sofortigen Abriss, doch Gott sei Dank blieb es stehen, so dass wir es uns heute als typisches Brutalismus-Gebäude der 1960er-Jahre anschauen können. Viele Menschen lehnen diesen Baustil ab und empfinden ihn grundsätzlich als hässlich. Zu klobig, zu schmutzig der Beton nach einigen Jahren…

Architekten: Konrad Beckmann/Christoph Brockes, 1964-1967

Man kann aber sein Augenmerk theoretisch auch woanders hinlenken: auf die geometrischen und skulpturalen Formen oder die Einfachheit, wie es überall so schön heißt, die „brutale Ehrlichkeit“ der Gebäude.

Vier Frauenskulpturen stellen die Musik, die Malerei, die Bildhauerei und die Architektur dar (Wilhelm Albermann, 1879-1881)

Wie auch immer, man kann es sich auch einfach mal bloß anschauen, ohne es zu bewerten, es nur als Beispiel sehen für eine bestimmte Baurichtung. Ich kann das natürlich auch nicht besser. Bei postmoderner Architektur bin ich auch nicht immer maßlos begeistert. Deshalb: Ende des Mahnworts. 😉

Kleiner Nachtrag am 11.02.2024: Ich lese gerade, dass die Kunsthalle im vergangenen November in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen wurde und in naher Zukunft saniert wird!

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