Nichts habe ich aus der Schulzeit so sehr mitgenommen wie das Gefühl, dass sich das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte niemals wiederholen darf und wir wieder in Zeiten kommen, in denen Rechtsradikale an Einfluss gewinnen und vielleicht sogar die Macht übernehmen. Zu gut erinnere ich mich an viele Geschichts-Unterrichtsstunden, in denen uns Filme gezeigt wurden von im Gleichtakt schwingenden Fahnen und den entsetzlichen, menschenverachtenden Folgen. Auch in anderen Fächern wurde ausgiebig und sehr oft Bezug darauf genommen.
Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, die uns damals – etwa 30 bis 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – beim Start in unseren Lebensweg begleitet haben, in unserer Erziehung vor allem eins im Sinn hatten: Dass so etwas nie mehr geschehen darf und es unter allen Umständen verhindert werden muss. Als Kind und Heranwachsende habe ich diese Botschaft offenbar sehr gut verstanden, jedenfalls habe ich sie tief in mein Herz aufgenommen, denn nach dem gestrigen Wahlabend fühlte es sich für mich tatsächlich an, als wäre ich persönlich gescheitert. Wie ist es möglich, dass sich in unserem Land 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler wieder einer offen rechtsradikalen Partei zuwenden? Wo doch über Jahrzehnte hinweg alles getan wurde, um genau das zu verhindern, um die Einsicht bei allen zu erzeugen, dass Rechtsextremismus zu Verbrechen und Unglück führt? Und wo ich selbst doch durch und durch verstanden habe, dass es nie wieder so kommen darf?
Die verschiedenen Gründe dafür kann man z.B. hier bei der Bundeszentrale für Politische Bildung nachlesen. Es hat etwas mit den Krisen zu tun, die wir in den letzten Jahren verstärkt wahrnehmen (Kriege, Klimawandel, wirtschaftliche Lage, Corona) und damit, dass diese bei Menschen Ängste auslösen, zum Beispiel vor Statusverlusten. Dass sie sich nach einfachen Lösungen sehnen, die ihnen der Populismus scheinbar bietet.
Wir alle sind Menschen mit vielfältigen Emotionen, so viel steht fest. Und wenn Ängste uns beherrschen, sind wir kaum mehr in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Das hat etwas mit unserem Nervensystem zu tun, das in Stresssituationen Hormone ausschüttet und unser Gehirn vernebelt – salopp gesagt: um uns für Kampf- oder Fluchtreaktionen bereit zu machen. Das fühlt sich ziemlich unangenehm an. Die Gedanken kreisen dann z.B. um vermeintliche Lösungen oder Horror-Szenarien. Heute Nacht bei mir: Wer wird bei der Wahl 2029 gewinnen? Kann ich dann vielleicht auswandern, wenn Rechtsextremisten die Macht übernehmen?
Und jeder Versuch sich abzulenken, zum Beispiel mit Fernsehen oder dem Internet, schlägt fehl, denn auch hier prasseln immer weiter schlechte Nachrichten auf uns ein. Scheinbar ein Teufelskreis. Doch die Lösung, wegzukommen von diesen unangenehmen Zuständen, liegt eben nicht darin, vermeintliche Heilsbringer zu wählen, die, um ihre Macht zu sichern, in immer radikalere Richtungen gehen. Sie werden uns keinen Seelenfrieden schenken, das Gegenteil ist der Fall. Sie werden uns in immer krassere Zustände bringen, das zeigt die Geschichte.
Was also tun? Wenn wir von Angst geflutet werden, Tränen der Enttäuschung die Wangen hinunterlaufen und jeder Versuch, sich abzulenken mit Medien alter und neuer Art, nur mit neuen schrecklichen Nachrichten endet, was können wir dann eigentlich noch tun?
Tatsächlich gibt es Möglichkeiten, damit umzugehen und unser Nervensystem zurückzubringen in einen entspannteren Zustand, der auch wieder einen klareren Kopf und folglich ein vernunftbetonteres Handeln ermöglicht. Das fängt bei Atemtechniken an und hört bei sozialer Unterstützung bzw. ggf. professioneller Hilfe auf. In dem folgenden Artikel, der passenderweise heute Morgen, nach durchwachter Nacht bei mir reinflatterte, werden verschiedene Möglichkeit der Selbstregulierung dargestellt: Wenn Politik auf die Psyche schlägt – Ein Wegweiser nach der Wahl.
Vermutlich hört sich das für die meisten Menschen wenig attraktiv an, nach Arbeit und Anstrengung. Und ja: Das ist es auch. Wir müssen aktiv werden, um uns aus dem unangenehmen Zustand herauszubringen. Wir müssen uns selbst in Bewegung setzen.
Doch viele haben bestimmt mal die Erfahrung gemacht, wie gut das tun kann. Tiefe Atemzüge oder ein Spaziergang im Wald, der den Kopf klärt. Ein nettes Gespräch mit der Nachbarin und schon fühlt man sich nicht mehr so alleine mit den Sorgen. Mit Freunden und Familie kann man gute Worte und kleine Gesten austauschen, als Zeichen der Verbundenheit und des Trostes. Und man könnte sich überlegen, ob man sich in Initiativen engagieren oder an Aktionen teilnehmen möchte. Jeder Mensch hat auf jeden Fall in seinem kleinen Kreis vielfältige Möglichkeiten, die eigene Situation zu verbessern. Und oftmals hat das ganz direkte Folgen für unser Umfeld. Wenn es mir gut geht, geht es auch meinem Mann gut. Wenn es mir schlecht geht, kriegt er es ebenfalls unmittelbar zu spüren. Und deshalb lohnt es sich, sich anzustrengen – für uns selbst und andere.
Lange bevor die christlichen Kirchen sich leider selbst ins Aus geschossen haben, habe ich mal in Berlin von einem evangelischen Pfarrer eine Predigt gehört. Es ging darum, dass letztlich alles in unserem Leben darum kreist, ob wir uns für Liebe oder Angst entscheiden: denn Liebe ist das Gegenteil von Angst.
Ich finde, da ist sehr viel Wahres dran. Viele haben sich gestern für die Angst entschieden und wenn man sich das alles genauer anguckt, ist es auch auf irgendeine Art und Weise erklärlich. Aber ich glaube ganz tief und fest daran, dass die Liebe der bessere Weg ist, der, der uns und anderen Seelenfrieden schenkt und Heil bringt. Und ich hoffe und wünsche mir, dass wir uns alle aufraffen können, auch wenn es Kraft und Energie kostet. Lasst uns bitte weiter – oder vielleicht sogar neu – ganz fest an die Liebe glauben, damit die Angst uns nicht übermannt und uns unsere Zukunft in Freiheit und Demokratie nimmt!


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