Ausstellungstipp: „Chagall“ im K20 in Düsseldorf (noch bis zum 10.08.2025)

Ich erinnere mich noch genau: der grüne Kopf, die großen schiefen Augen, ein Fuß, der auf dem Dach eines Hauses steht, der andere zugleich auf der Wölbung der Erde. Dahinter eine nachtschwarze Straße gesäumt von einer Kirche und mondweißen Häusern – oder ist es Schnee? Und natürlich die gelbe Geige, die der Musiker, der auf dem First zu tanzen scheint, leidenschaftlich spielt. Wow, dachte mein 23-jähriges Ich. So was habe ich ja noch nie gesehen!

Das ist ja was völlig anderes als die Kunst, die meiner Großmutter, der Antiquitätenhändlerin, gefällt (Alte Meister). Und auch anders als das, was in meiner Schulzeit bei uns Jugendlichen beliebt war (Kandinsky und Co.). Das hier ist… ja was ist es denn… Poesie? Oder Traum? Ich finde es jedenfalls wunderschön und es spricht mich an, wieso auch immer...

Da stand ich also völlig naiv und ahnungslos Ende der 90er-Jahre, fasziniert von einem Poster, das mir in einer dieser postmodernen Einkaufspassagen in Berlin von einem Posterständer entgegenblickte, und entdeckte Marc Chagall.

Als ich ein paar Monate später bei einem England-Aufenthalt vom Englischkurslehrer gefragt wurde, wer mein Lieblingsmaler sei, antwortete ich, begeistert darüber, dass ich überhaupt jemanden nennen konnte: „Chagall“. Er hingegen fand William Turner toll und zeigte uns ein paar Beispiele seines Schaffens. Obwohl ganz anders, befand ich jene Bilder ebenfalls für sehenswert. Nach meiner Rückkehr nach Berlin schleppte ich meine bessere Hälfte erstmals in ein Kunstmuseum, eine Aktivität, die wir vorher noch nicht so in Erwägung gezogen hatten. So viel zu mir und Chagall. (Und Turner). (Und meinem Hubby).

Der Geiger

Der russisch-französische Maler Marc Chagall (1887-1985) hat den Geiger sehr häufig gemalt, als „Hauptfigur“, aber auch im Hintergrund seiner Bilder. Mein Bild aus Berlin („Der Geiger“) ist in der aktuellen Ausstellung im Düsseldorfer K20 nicht zu sehen, aber ein anderes, was ungefähr zur gleichen Zeit entstand und meinem Favoriten nicht unähnlich ist. Es heißt ebenfalls „Der Geiger“ und entstand in der Zeit des ersten Aufenthalts Chagalls in Paris von 1911 bis1914.

Der Geigenspieler, aktuell im K20 in Düsseldorf zu sehen

Man findet tatsächlich ein bisschen was im Internet über die Figur des Geigers, die in allererster Linie eine Kindheitserinnerung des Malers ist, ich füge unten ein paar Links hinzu. Der Geiger gehörte in Chagalls belarussischem Heimatdorf Witebsk wie in so vielen anderen Schtetln (Dörfer mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil) zu jedem Fest dazu. Doch hier wird hier noch etwas anderes erzählt: Wir sehen einen Jungen, der mit einer Mütze Almosen einsammelt. Weiter hinten steht eine Frau mit entblößter Brust, sie verkauft ihren Körper. Dargestellt wird hier also auch eine dunklere Seite, nämlich die Situation der Ostjuden Anfang des letzten Jahrhunderts. Sie war von Armut geprägt und teilweise auch von Gewalt. Obwohl die Juden in den Schtetln weitgehend akzeptiert waren, gab es auch immer wieder Pogrome (gewaltsame Ausschreitungen gegen eine religiöse oder ethnische Minderheit). Genau darum geht es auch in der Düsseldorfer Ausstellung.

Chagall im K20

Die Ausstellung zeigt 120 Gemälde und andere Arbeiten aus all seinen Schaffensperioden. Der Schwerpunkt liegt aber in der Frühphase, bei Werken, die zwischen 1910 und 1923 entstanden sind. Im Ausstellungstext heißt es: „Doch die traumgleichen Welten, die Chagall in seinen frühen Werken entwirft, sind keineswegs nur poetisch aufgeladene Märchen. Sie enthalten vielmehr beißende Kritik an den damaligen gesellschaftlichen Umständen. Chagall erzählt in seinen Bildern vom Alltag und von Gebräuchen, aber auch von Ausgrenzung und gewaltsamen Angriffen auf Jüdinnen und Juden.“

Gemälde Der Tod Chagall
Der Tod, 1908/1909
Russland, den Eseln und den Anderen, 1911

Fazit

Ich finde es sehr spannend, nicht nur in die Poesie seiner Bilder eintauchen zu können, sondern auch mit dieser anderen, bedrohlichen Seite von Chagalls Kunst konfrontiert zu werden. Ich kenne außerdem niemanden, dem die leuchtenden Farben seiner Bilder und die wunderbar dargestellte Verbindung zu seiner ersten Ehefrau Bella Rosenfeld nicht gefällt. Es ist eben auch etwas Zärtliches und Leichtes zu spüren in vielen seiner Bilder, eine Art Lebensfreude. Es ist vielleicht diese Mischung aus hell und dunkel, leicht und schwer, die so fasziniert. Sprich: Eine absolut sehenswerte Ausstellung!

Doppelportrait mit Weinglas, 1917/1918

Der Schlitten, 1943

Der liegende Dichter, 1915

Nachwort

Damals in Berlin hatte ich keine Ahnung, dass mich genau die Epoche, in der Chagall anfing, aktiv zu werden, später am meisten fesseln würde, Jugendstil und Moderne (Chagall selbst wollte sich übrigens von niemanden vereinnahmen bzw. in eine Kunstrichtung pressen lassen. Er lehnte es ab, sich zu den Surrealisten zu bekennen). Und seltsam: In „meinem“ Bild des Geigers steckt alles, was mir bis heute gefällt: Musik und Poesie… aber auch die zersplitterten Formen des Kubismus, der die Moderne einleitete. 🙂 Zum Abschluss möchte ich noch einen sehr schönen Text zitieren, den ich auf der Seite „Arts & Meditation“ von Bernhard Frei gefunden habe.

„Du stolzer,

     lebensfroher

     Geiger von Witebsk,    

     spielst du mir  d e i n  Lied?

     Ich höre dich,

     ich höre dir zu!

     Oder spielst du  m e i n  Lied, 

     meine Sehnsucht,

     meine Freude

     und mein Leid?


     Mein Lied ist das deine,

     ich bin eins

     mit deinem Spiel

     und deinem Bildnis.

     Ich bin gefangen

     und befreit

     durch Farbe,

     Poesie und Musik.“



Mehr Infos: https://www.kunst-meditation.it/a-bis-h/chagall-gruner-geiger/

Infos

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