Spuren des Jugendstils finden sich überall. So auch in der netten Stadt Osnabrück in Niedersachsen, der ich vor kurzem aufgrund eines Konzerts einen Mini-Besuch abstattete. Da ich nur ein paar Stunden Zeit hatte, hatte ich vorher recherchiert, ob es dort ein Jugendstil-Gebäude zu sehen gibt. Und siehe da: Die Fassade des Theaters am Domhof wird als Jugendstil eingeordnet.
Erbaut wurde es zwischen 1905 und 1909 nach einem Vorentwurf von Martin Dülfer (1859-1942). Dieser hat übrigens auch zwei der beeindruckenden Jugendstil-Häuser in München entworfen, die man in meinem Artikel „Schwabinger Jugendstilhäuser“ betrachten kann. Die endgültigen Pläne für das Theater Osnabrück arbeitete aber schließlich der Stadtbaurat Friedrich Lehmann (1869-1961) aus, Dülfers Entwurf wurde wohl aus finanziellen Gründen nicht vollständig übernommen.

In der Denkmalbegründung heißt es: „Das Theater Osnabrück gehört zu den prägenden Bauten im Umfeld des Domhofs und zeigt mit seiner Fassade beispielhaft eine Architektur, die zeittypisch fortschrittlich orientiert ist und sich von anderen eher streng historistisch geprägten öffentlichen Bauten abgrenzt.“
Die gerundete Fassade aus Sandstein mit Dreiecksgiebel enthält vielfache Verzierungen. Laut Wikipedia unter anderem Putten, Medaillons und Füllhörner. Die Putten und Medaillons kann man gut erkennen, Füllhörner habe ich leider nicht entdecken können. Sie sind ein mythologisches Symbol für das Glück und passten fantastisch zu dem wunderschönen und sonnigen Tag, den ich dort erleben durfte.



Zu erwähnen ist noch, dass das Theater nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und durch moderne An- und Umbauten ergänzt wurde (leider kein Foto). Auf dieser Webseite habe ich ein Postkarten-Bild vom ursprünglichen Gebäude gefunden. Wenn man den Pfeil in der Mitte verschiebt, kann man die Veränderung – insbesondere der Türen – zwischen 1900 und 2016 direkt sehen.




Weitere Eindrücke aus Osnabrück
Es ist bestimmt kein Zufall, dass drei Menschen aus meinem näheren Umfeld ihr Studium vor vielen Jahren in Osnabrück angefangen haben, ist es doch für diesen Zweck ein absolut passender und schöner Ort. Mit einer übersichtlichen Größe (166.000 Einwohner) und einer tollen historischen Altstadt kann es natürlich punkten bei jungen Leuten, die zum ersten Mal die Familie verlassen und ihren Weg ins Leben suchen. Entstanden im Frühmittelalter um den Bischofssitz herum (ca. im Jahr 780) und später als Hansestadt (1412 erstmalige Teilnahme an einem Hansetag) findet sich dort die ganze Variation an Architektur, die es so gibt: Fachwerkhäuser, spätgotische Bauwerke, Gebäude des Klassizismus und so weiter und so fort.





Nachdem ich das Theater besichtigt hatte, bin ich immer der Nase nach durch die Straßen gelaufen. Besonders schön fand ich den Markt(platz) mit dem historischen Rathaus, in dem einer der beiden Verträge zum Westfälischen Frieden unterzeichnet wurde (zur Erinnerung: Diese Dokumente beendeten den Dreißigjährigen Krieg von 1618-1648). Die bunten Giebelhäuser des Marktplatzes, der heute nicht mehr als solcher genutzt wird, schienen an diesem Tag zu strahlen und auch die spätgotische Kirche St. Marien wurde von der Sonne in ein schönes Licht getaucht.





Das Eingangsportal auf der Südseite wird „Brautportal“ genannt und war ziemlich beeindruckend, denn es wird von zahlreichen Figuren geschmückt, von denen einige die klugen und die törichten Jungfrauen darstellen (ein Gleichnis aus der Bibel).


Die Strebepfeiler (pfeilartige Mauerverdickung) sind wohl typisch gotisch und besitzen an ihrem oberen Ende Wasserspeier, die nicht nur eine dekorative, sondern auch eine praktische Funktion als wasserabführendes Rohr hatten.

Rätselhafte Sprache
Und dann war da noch dieser Spruch über der zweiten Kirchentür (insgesamt gibt es vier Portale).

Meine liebe Nachbarin fiel mir spontan ein, als ich Schwierigkeiten hatte, ihn zu entschlüsseln. „Geloevestu“ übersetzte ich mit „Gelobst“, was aber irgendwie nicht zum restlichen Text passte. Da muss ein Profi ran, der des Plattdeutschen mächtig ist, dachte ich und schrieb sie an. Es kam ihr gleich komisch vor und mit guter Spürnase fand sie heraus, dass es eben kein plattdeutscher Text ist, sondern ein mittelniederdeutscher. Er stammt aus einem Katechismus von 1539. Alle älteren Protestantinnen und Protestanten erinnern sich vielleicht an die Fragen und Antworten, die sie im Konfirmandenunterricht alle auswendig lernen mussten. Unser Pastor hat sie damals jedenfalls sehr streng abgefragt. Der Spruch lautet also übersetzt: „Was glaubst du von Gott, dem Vater? Dass er mir Leib und Seele gegeben hat und alles, was ich nötig habe, zeitlich und ewiglich.“
Mir wurde an diesem Tag auf jeden Fall mehr als alles gegeben, was ich nötig habe und dafür bin ich sehr dankbar. In diesem Sinne bis zum nächsten Mal!

Infos
- Stadt Osnabrück – Osnabrück erleben (Tourismus-Webseite)
- Theater Osnabrück (Wikipedia-Artikel)


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