Zwei Jugendstil-Räume in der Villa Metzler in Frankfurt am Main

Bei einem Kurztrip nach Frankfurt besuchte ich das Museum Angewandte Kunst und ohne es vorher gewusst zu haben, stieß ich dort auf ein neues Puzzleteil meiner Jugendstil-Entdeckungsreise. Das schicke Museum (bestehend aus drei miteinander verbundenen weißen Kuben) wurde von Richard Meier konzipiert und 1985 eröffnet. Als ich die Räume verlasse und über einen Gang die wunderschöne klassizistische Villa Metzler von 1804 betrete (die zu dem Museum gehört), ahne ich noch nichts von meinem bevorstehenden Zufallsfund. Ich hatte eine andere Ausstellung besucht und schlenderte quasi „on top“ durch den Rest des Museums.

Im Untergeschoss der Villa Metzler befinden sich Veranstaltungsräume, erst im Obergeschoss tritt man in die so genannten „Stilräume“, insgesamt neun an der Zahl. Diese stellen die Wohnstile verschiedener Epochen dar: Barock, Biedermeier, Klassizismus – alles Mögliche ist dort vertreten. Die Original-Möbel entstammen der Sammlung des Museums und die jeweiligen Zimmer sind detailgetreu ausgestattet mit zeitgenössischen Tapeten und Vorhängen, was absolut stimmig und beeindruckend wirkt. Die Großzügigkeit der Räume inklusive ihrer fantastischen Raumhöhe tut ihr Übriges.

Salon Deutschland 18. Jahrhundert

Jugendstil von Henry van de Velde…

Im zweiten Geschoss blicke ich in ein Zimmer, in dem mir als Erstes die Tapete ins Auge springt. Das ist aber so was von Jugendstil, schießt es mir durch den Kopf. Und: Irgendwo habe ich sie doch schon mal gesehen… Beim Anblick der Möbel und dem Erläuterungsschild des Raumes im Türrahmen hüpft mein Herz kurz vor Freude: „Jugendstil Henry van de Velde 1904“, steht dort geschrieben. Tatsächlich ist an der Vitrine und dem Beistelltischchen gut die geschwungene Linie zu erkennen, die für den Architekten und Designer eine wichtige Rolle spielte: „Die Linie ist eine Kraft“, sagte er, (…) „sie entlehnt ihre Kraft der Energie dessen, der sie gezogen hat“ (hier in diesem Beitrag über ihn nachzulesen).

Geschwungene Linien an der Vitrine

… und am Beistelltischchen

Jugendstil-Zimmer mit Möbeln von Henry van de Velde

Prägnante Jugendstil-Tapete

Manchen waren seine wellenförmigen Entwürfe wohl zu viel des Guten. Kaiser Wilhelm II. soll das Betrachten der Möbel von Henry van de Velde auf der Industrieausstellung Düsseldorf 1902 abgelehnt haben mit den Worten: „Nein, nein, meine Herren, ich verzichte darauf, seekrank zu werden“ (siehe „Jugendstil Art Deco. Möbel und Interieur von Albrecht Bangert“ S. 46). Da die Jugendstil-Bewegung ja gegen den überladenen, historistischen Geschmack des Kaiserreichs gerichtet war und etwas komplett Neues erfinden wollte, ist diese Bemerkung nicht weiter verwunderlich und vielleicht auch so etwas wie eine Auszeichnung. In meinem Artikel über den Hohenhof in Hagen, den Henry van de Velde mitsamt der Inneneinrichtung entworfen hat, finden sich weitere Eindrücke seiner Schaffenskraft.

Während ich umherschlendere und die Tapete betrachte, lässt mich das Gefühl nicht mehr los, sie zu kennen. Ich durchforste meinen Blog und siehe da: Im Maison Hannon in Brüssel traf ich schon mal auf das Motiv. Henry van de Velde hat es gemeinsam mit seiner Frau Maria Sèthe zwischen 1893 und 1896 designt.

Ganz rechts befindet sich das Motiv „Dynamo-graphique“ (Foto aus dem Maison Hannon)

„Dynamo-graphique“ in der Villa Metzler

… und Bernhard Pankok

Der zweite Jugendstil-Raum ist mit Möbeln des Künstlers Bernhard Pankok ausgestattet. Der asymmetrische Buffetschrank mit extrem geschwungenen Linien und Schnitzereien in Pflanzenformen ist sofort als Jugendstil erkennbar. Die Armlehnen der Stühle rund um den Esstisch bestehen sogar aus (relativ friedlich dreinschauenden) Maskaronen, etwas, das ich vorher noch nicht gesehen habe. Alles in allem wirken die Entwürfe Bernhard Pankoks sehr verspielt und träumerisch, als käme man in eine Märchenwelt. Die Finger, die die Stuhlbeine des in der Ecke platzierten Stuhls umgreifen, lassen mich schmunzeln. Euch auch?

Verspieltes Detail

Buffetschrank

Stuhl mit Fratzenmaske (Maskaron)

Anrichte

Liebevolle Details

Leider gibt es keinerlei Beschreibungen oder Erklärungen zu den Stilräumen, vielleicht wollte man sich allein auf die Raumwirkung beschränken. Wie auch immer, der Besuch des Museums hat sich sehr gelohnt. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber Spuren des Jugendstils finden sich wirklich überall. Ist es nicht faszinierend, dass eine so kurze Epoche (ca. 1890-1910) so einzigartig war, dass sie 120 Jahre später immer noch Beachtung findet? Ich finde es jedenfalls erstaunlich! 😊

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