Holland-Liebe
Jedes Jahr im Februar überkommt mich ein unbändiges Bedürfnis, nach Holland zu fahren. Es ist mir ein Rätsel, woher es kommt, aber meine liebe Freundin Anja wies mich darauf hin, es könne etwas mit meiner Familie zu tun haben. Das ist wohl das Wahrscheinlichste, denn die Beziehungen mit den Niederlanden waren eng: Meine Urgroßmutter – ursprünglich eine Münchnerin – wollte nach Amerika auswandern, blieb aber in Amsterdam hängen und heiratete dort einen niederländischen Mann.
Ich finde diese Geschichte nach wie vor erstaunlich. Nicht nur, dass meine Uroma anscheinend eine sehr selbständige Frau war (in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es eher ungewöhnlich, alleine als Frau auswandern zu wollen)… Auch die Frage, ob es etwas an meinem eigenen Leben geändert hätte, wenn sie meinen Uropa nicht kennengelernt hätte, beschäftigt mich. Meine Großmutter hätte es trotzdem gegeben, denn sie war zu dem Zeitpunkt schon auf der Welt. Doch wären wir dann alle in Amerika gelandet? Würde ich jetzt über Midcentury-Modern-Architektur in Kalifornien schreiben? Oder wäre ich gar nicht geboren worden ? Aber ich schweife ab…
Meine Sehnsucht nach Holland stillte ich in diesem Jahr mit einem Tagestrip nach Venlo, der von Düsseldorf aus nächstgelegenen niederländischen Stadt. Wie immer natürlich auf der Suche nach ein bisschen Jugendstil… Gibt man die Begriffe „Jugendstil“ und „Venlo“ in eine Suchmaschine ein, erscheint sofort der Häuserkomplex namens „Metropole“, erbaut zwischen 1900 und 1903 nach einem Entwurf des Architekten Pierre Rassaerts und benannt nach dem sich ab 1912 im Eckhaus befindenden „Café Metropole“. Hier beim Gemeindearchiv Venlo kann man ein Foto von damals sehen. Bei Wikimedia Commons habe ich eine weitere Aufnahme gefunden, sogar aus einer anderen Perspektive:

Farbenpracht und ungewöhnlicher Bauschmuck
Als ich vor dem Häuserensemble stehe, überrascht mich als Erstes seine Farbigkeit. Trotz des grauen Himmels leuchten das Gelb, Rot und Türkis der Fenster- und Türrahmen intensiv und lassen die Straße ein wenig erstrahlen. Ob das damals ähnlich war oder die Farbakzente erst nach der Restaurierung im Jahr 1994 hinzukamen, konnte ich leider nicht recherchieren.


Ich verbringe viel Zeit damit, mir die vielen Details anzuschauen. Es gibt jede Menge rundbögiger Fenster, im Straelseweg 3-3a sind sie sogar mit einem dekorativen Rahmen aus gelben und roten Ziegeln versehen. Ein hübsches hufeisenförmiges Fenster schmückt das Haus Straelseweg Nr. 5. Darüber befindet sich ein Bogenfries mit Blumenornamenten. Interessant finde ich auch den Bauschmuck: Ich entdecke Fledermäuse, Affen, eine Sonnenblume und eine Eule, eine außergewöhnliche Mischung aus Deko-Elementen, wie man sie heute wohl bezeichnen würde. Jugendstil in niederländischer Variante, lebendig und bunt, das hat sich auf jeden Fall gelohnt! Eine genauere Beschreibung der Häuser liefert übrigens dieser Artikel bei Wiki.nl, man kann ihn sich ja inzwischen praktischerweise übersetzen lassen.







Entscheidung für die Niederlande
Ich weiß nicht, wann meine Urgroßmutter nach Amsterdam aufgebrochen ist, geboren wurde sie im Jahr 1900. Die alten Fotos zeigen das Café Metropole ungefähr in den Jahren 1909 bis 1912, das kann natürlich nicht der Zeitpunkt gewesen sein, an dem sie sich in den Niederlanden aufgehalten hat, da sie dafür noch zu jung war. Trotzdem wird es zehn, fünfzehn Jahre später ja so ähnlich ausgesehen haben und ich stelle mir vor, wie meine Uroma sich mit meinem Uropa in einem ebenso schönen Café traf und allmählich zu realisieren begann, dass dieser Mensch der Mann ihres Lebens ist. Irgendwann bei einem „Koppje Koffie“ gab sie vielleicht ihren Plan, nach Amerika zu gehen, auf und entschied sich für ein Leben in den Niederlanden. Ihr Blick fiel dabei vielleicht nicht unbedingt auf Jugendstil-Details, aber sicher auf ähnlich schöne Häuser, auch wenn man sich die Zeit natürlich nicht allzu romantisch vorstellen darf, denn eine düstere Ära kündigte sich bereits an. Trotzdem verbrachte sie ihr ganzes Leben mit diesem Mann und nahm ihn im Alter mit nach Deutschland zu ihrer Tochter, meiner Großmutter. Ich konnte beide noch kennenlernen. Oma und Opa Holland nannte ich sie. 😊


Infos
- Beschreibung der Architektur des Metropole bei Wikipedia.nl
- Foto des Café Metropole von 1912 beim Gemeindearchiv Venlo
- Fotos vom Metropole Komplex bei Wikimedia Commons
- Visit Venlo (Infos für Touristen)
- Tipps für einen Tagesausflug nach Venlo (hollanddreams.com)


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