Eine Ausstellung ist ja manchmal eine kleine Herausforderung… Viele neue Informationen in kürzester Zeit aufzunehmen und zu verarbeiten erfordert ab und an ein Nachlesen und Weiterrecherchieren zuhause. So erging es mir zumindest bei der Präsentation dieses spannenden Künstlerinnen-Lebens im Museum Folkwang in Essen. Aber gerade das macht ja Spaß: Dem kleinen Bildausschnitt des eigenen Horizonts ein paar Teile hinzuzufügen, um eine Ahnung vom großen Ganzen zu bekommen.
Chien Fou
Die sehr interessante Autorin und Fotografin Germaine Krull (1897-1985) bezeichnete sich selbst als „Chien Fou“ („Verrückter Hund“) und ähnlich verrückt erscheinen mir stellenweise ihre vielen Lebensstationen, die sie in die unterschiedlichsten Länder und Kulturen der Welt geführt haben. Die verschiedenen Lebens- und Ankerorte der „Weltbürgerin“ werden in der Ausstellung mit Hilfe ihres eigenen publizistischen Werks dargestellt, darunter (unter anderem) verschiedene Städte in Frankreich, Rio de Janeiro, Brazzaville und Bangkok. Dort leitete sie ab 1946 das Hotel Oriental, von hier aus unternahm sie zahlreiche Reisen und widmete sich seit den Jahren 1961/62 wieder verstärkt Foto- und Buchprojekten. Ab 1968 ließ sie sich in Indien nieder, wo sie anfing, den Buddhismus zu praktizieren.

Biografie
Angefangen hat es woanders, nämlich in der damaligen preußischen Provinz Posen, wo sie geboren wurde. Im Jahr 1912 ging sie nach der Scheidung der Eltern mit ihrer Mutter nach München. Dort absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin. In München eröffnete sie auch ihr erstes Fotoatelier, das sich zu einem Treffpunkt für intellektuelle und politisch aktive Kreise entwickelte (darunter Kurt Eisner, Max Horkheimer und Rainer Maria Rilke). Ihre politische Haltung orientierte sich zunächst an kommunistischen Idealen, wie es in der Ausstellung heißt, und wurde „vehement, doch weniger reflektiv von ihr gelebt und verteidigt“. Eine ausführlichere Darstellung ihres Lebens zu dieser Zeit findet man in diesem Artikel.
Nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik (dem Versuch, im 1918 gegründeten bayrischen Freistaat eine sozialistische Republik zu etablieren) wurde sie mehrfach verhaftet und aus Bayern ausgewiesen. Nach weiteren Stationen wie Düsseldorf und Moskau lernte sie in Berlin den Niederländer Joris Ivens kennen, den sie heiratete, von dem sie sich aber nach einer Weile wieder trennte. Die Häfen von Amsterdam und Rotterdam mit ihren gewaltigen Stahlriesen beeinflussten jedoch ihren künstlerischen Weg maßgeblich: Sie experimentierte mit anderen Bildausschnitten und Perspektiven und schaffte mit ihrem 1928 veröffentlichten Portfolio „Métal“ den Durchbruch.


Vertreterin des Neues Sehen
Heute wird sie als Vertreterin des Neuen Sehens betrachtet, was mit dem Bauhaus und der Neuen Sachlichkeit in Zusammenhang steht. Das Neue Sehen war ein sehr experimenteller Blick aus ungewöhnlichen Perspektiven mit denen die Fotografinnen und Fotografen aber dennoch eine realistische Wiedergabe der Wirklichkeit erzielen wollten. Mehr Infos darüber erhält man in diesem Artikel.



Für mich persönlich spannend waren vor allem ihre Stationen in Frankreich, wo sie ihren Lebensunterhalt mit Modefotografien bestritt und für Zeitschriften wie die „VU“ fotografierte. Ihre Fotos vom Treiben auf den Pariser Straßen nehmen, wie es in der Ausstellung heißt, einen sozialdokumentarischen, teils fotoreportagehaften Charakter an. Auch die Portraits sind sehenswert.




Flucht
Doch die Zeit schritt fort und das politische Klima begann sich in den Jahren nach 1930 langsam zu verändern. Ab 1932 hatte sie kaum noch Aufträge und ging deshalb 1935 nach Monte Carlo, wo sie im Casino die Fotoabteilung leitete. Im Jahr 1940 gewinnt sie dort das Geld für die von ihr geplante Überfahrt nach Südamerika. Inzwischen hat nämlich die deutsche Wehrmacht Nordwest-Frankreich eingenommen. Der Süden ist unbesetzt, deshalb flüchten viele Menschen nach Marseille, um zu versuchen, von dort aus mit dem Schiff Europa zu verlassen. Genau das wurde bereits in der Ausstellung „Aber hier leben? Nein, danke! Surrealismus und Antifaschismus“ letztes Jahr in München thematisiert und tatsächlich tauchte auch dort Germaine Krulls Name auf und zwar auf einem Schiff namens „Capitaine Paule-Lemerle“, das 1941 von Marseille nach Martinique fuhr und auf dem sich zahlreiche bekannte Persönlichkeiten befanden wie André Breton, Anna Seghers und Claude Levi-Strauss.
Schon damals fand ich die Vorstellung erschreckend, dass die vor den Nazis aus Deutschland nach Frankreich geflüchteten Menschen nun erneut fliehen mussten, was darüber hinaus keineswegs einfach, sondern gefährlich war. Um es mit Germaine Krulls Worten zu sagen: „Wenn man endlich ein Visum für ein Land in Amerika hat und es geschafft hat, das Ausreisevisum für Frankreich zu bekommen – eine Art Supervisum, das von der Gestapo genehmigt und von Vichy ausgestellt wird (…) – muss man noch die Transitvisa für Spanien und Portugal bekommen. Wenn all das, was wochenlange Formalitäten erfordert, endlich geglückt ist, kann es sein, dass die spanische Grenze grundlos monatelang geschlossen bleibt, und dann sieht man, dass das Einreisevisum für Amerika abgelaufen ist und man komplett wieder von vorn anfangen muss“ (Ausstellungstext Museum Folkwang).

Offenbar wollten damals die meisten Länder der Welt keine Geflüchteten aufnehmen. In der Münchner Ausstellung über die Surrealisten hieß es: „Die Konferenz von Évian im Juli 1938 markierte den Höhepunkt einer konsequenten Verweigerungshaltung der Weltgemeinschaft gegenüber der lebensbedrohlichen Not der in NS-Deutschland verfolgten Menschen“ (Wandtext S.18). Beim Wikipedia-Artikel über die Konferenz steht: „Viele Zeitzeugen und Historiker sehen in Évian ein moralisches Versagen der westlichen Demokratien, da ein anderer Ausgang viele Juden vor der Ermordung im Holocaust hätte bewahren können.“
Ein positives Gegenbeispiel findet sich in Varian Fry, einem US-amerikanischen Journalisten, der als Abgesandter der New Yorker Hilfsorganisation ERC (Emergency Rescue Committee) etwa 2000 Menschen in Marseille zur Flucht verhalf, darunter Hannah Arendt, Marc Chagall, Lion Feuchtwanger. Auch das Schiff „Capitaine Paul Lemerle“ mit Germaine Krull an Bord war vom ERC angeheuert worden.
Bewegung France Libre
Als wäre das alles nicht genug… Doch es geht noch weiter. Über die Zwischenstation Martinique gelangte Germaine Krull nach Rio de Janeiro, wo sie sich der Bewegung France libre anschließt und für die nächsten zwei Jahre in Brazzaville (heute Hauptstadt der Republik Kongo) die Leitung des propagandistischen Fotoservices übernimmt. France libre waren von Charles de Gaulle ins Leben gerufene französische Truppen, die gegen das nationalsozialistische Deutschland und gegen das Vichy-Regime kämpften. Das Vichy-Regime war die nach der französischen Niederlage gebildete Regierung, welche mit dem Dritten Reich kollaborierte.
Charles de Gaulle forderte aus seinem Londoner Exil heraus auch die französischen Kolonien auf, sich dem Widerstand anzuschließen, was das damalige Französisch-Äquatorialafrika (und Kamerun) taten. Germaine Krull schrieb zu den von ihr hergestellten Fotos in Brazzaville propagandistische Texte, die zeigen sollten, dass es das freie Frankreich gab. Sie reflektierte dabei nicht die damaligen (problematischen) Herrschaftsverhältnisse vor Ort, wobei sie in ihren privaten Aufzeichnungen durchaus aufscheinen.
Ihren weiteren Lebensverlauf und ihr Spätwerk ab den 1960er-Jahren kann man sich am besten selbst in der Ausstellung ansehen. So viel sei verraten: Auch ihr Lebensabend war alles andere als ruhig und langweilig – so wie es dem Leben eines „verrückten Hundes“ nun mal gemäß ist.

Infos
- Germaine Krull: Chien fou (Museum Folkwang in Essen)
- Germaine Krull: Leben vor der Revolution in München (Forschungsportal zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa
- Germaine Krull: Biografie (Lost Woman Art)
- „Als die Welt sich abwandte“, Artikel über die Konferenz von Évian (Spiegel Geschichte)
- „Erinnerungen an eine dunkle Zeit“, Artikel über Kollaboration und Widerstand in Frankreich (Bundeszentrale für politische Bildung)
- „Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten 1940/41“, Buch von Varian Fry, S. Fischer Verlage
- „Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur“, Buch von Uwe Wittstock, C.H. Beck


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