
Manchmal zaubert „Grumpy Hubby“, auch bekannt als „Bester Ehemann der Welt“, urplötzlich ein Ass aus dem Ärmel. Das passiert zwar nur alle Jubeljahre, aber wenn es passiert, dann ist es auch wirklich etwas Besonderes.
„Sammlung Philara? Was ist das denn?“, frage ich skeptisch, als er seinen Vorschlag vorträgt. „Eine private Kunstsammlung in einer ehemaligen Glasfabrik in Flingern-Nord. Sieht ziemlich gut aus, vielleicht auch architektonisch interessant.“
Ich zucke mit den Achseln, erinnere mich aber dunkel daran, schon mal darüber gelesen zu haben. Der Immobilienentwickler Gil Bronner präsentiert in interessanten Ausstellungshallen mit Industrieflair auf über 1.700 Quadratmetern Auszüge aus seiner Sammlung, die aus Werken zeitgenössischer Kunst besteht: Malerei, Fotografie, Skulpturen, Installationen… Besichtigen kann man sie grundsätzlich zwischen Freitag und Sonntag. Zwischen dem 9.9. und dem 19.10.2024 ist sie allerdings wegen Umbau geschlossen (Infos siehe unten).

Vor Ort ist Grumpy Hubby genauso beeindruckt wie ich: „Endlich mal wieder was, was annähernd an Berlin erinnert“, schnaubt er zufrieden, als wir den Hinterhof betreten. Schon die Birkenstraße ist gesäumt mit vielen Galerien, was uns nicht wundert, denn der Düsseldorfer Stadtteil Flingern-Nord ist ja so was wie ein Szene-Viertel: viele nette Cafés, stylische Concept-Stores usw.
Leider sind die Ausstellungen, die wir in der Sammlung Philara gesehen haben, bereits vorbei und die nächste beginnt erst am 20.10.2024. Deshalb möchte ich nur von etwas berichten, was auch dauerhaft zu sehen ist. Sehr beeindruckend fand ich den Dachgarten mit den Skulpturen (siehe Fotos) und eine besondere Installation. Von jener habe ich keine Fotos gemacht, deshalb nur ein kleiner Bericht.
Skulpturenterrasse der Sammlung Philara




Installation „Artichoke Underground“ von Jonah Freeman & Justin Lowe
Gerade, als wir mit allem durch sind, entdecken wir noch eine Art Fenster, durch das man einen Blick auf etwas Pflanzenartiges mit Kristallen hat, das an Drähten hängt. „Das sieht ja cool aus“, meine ich erstaunt. „Haben Sie gesehen, dass Sie die Installation auch besichtigen können?“, meint ein hilfreicher und aufmerksamer Mann aus dem Aufsichtspersonal plötzlich hinter uns. „Näh“, entfährt es Grumpy Hubby barsch. Ich glaube, er hatte sich schon auf den Kuchen gefreut, den wir im angeschlossenen Café Bulle Bistro genießen wollen.
„Hier hinten rum.“ Die Museumsaufsicht verweist um die Ecke des seltsamen Klotzes, der wie ein Raum im Raum aussieht, aus Spiegeln und Holzlatten besteht und von außen nicht erkennen lässt, was sich dahinter verbirgt. Grumpy Hubby trottet mit hängenden Schultern hinter mir her. „Jonah Freeman & Justin Lowe Artichoke Underground (2013)“ lese ich an der Wand mit einem dazugehörigen QR-Code.
13 Innenräume
Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet und gehen ein paar Stufen hinunter. Dann stehen wir quasi in Kellerräumen. Plötzlich befinden wir uns in einer Siebdruckwerkstatt mit einer großen Druckmaschine, gebrauchten Farbtöpfen auf dem Boden und Magazin-Ausgaben mit dem Namen „Artichoke Underground“ an der Wand. Die vielen Details lassen das Zimmer total real wirken. Beeindruckend. Ich gehe weiter und gelange in den nächsten Raum.
Ein Shop wie man ihn aus New York oder London kennt… Eine Punjabi-Küche, wie ich dank dem QR-Code meinem Smartphone entnehme. Was das genau ist, weiß ich nicht, offensichtlich was Indisches oder Pakistanisches, alles ist hier original eingerichtet mit einer Kasse, einer Auslage für Essen, Bildern von Frauen in Saris an der Wand, CDs und DVDs werden auch verkauft und es riecht fast sogar ein wenig nach indischen Gewürzen – oder bilde ich mir das ein?
„Wahnsinn, wie toll ist das denn?“, meine ich ergriffen. „So was hab ich ja noch nie gesehen!“ Grumpy Hubby sieht gar nicht so begeistert aus. Er findet dieses seltsame Labyrinth, das von außen nicht einsehbar ist und wo sich ein Raum dem nächsten anschließt, wohl ein bisschen gruselig. Zumindest zieht er sich die mitgebrachte Jacke an. „Guck doch mal!“, rufe ich und eile weiter.
Der übernächste Raum besteht nur aus Schaltern oder Schaltergebilden, die überzogen werden von einer weißen pulverartigen Schicht. Da läuft es mir fast ein bisschen schaurig den Rücken runter. Als befände man sich in der Herzkammer des Ganzen. Oder in einem Science-Fiction-Film. Ist das jetzt die Kühlkammer oder der Raum nebenan? Egal, Grumpy Hubby macht sich von den Socken.
„Mir ist kalt“, ruft er, rennt zur Siebwerkstatt zurück und blickt sich um. Ich eile hinterher und schaue ihn aufmerksam an. „Was hältst du davon?“ „Ich weiß nicht…“, meint er skeptisch und sieht mich betrübt dabei an. „Was ist denn das für ein Mist“, platzt es aus ihm heraus. Ich grinse. „Eins der besten Kunstwerke, das ich je gesehen habe?!“ Er rollt mit den Augen und murmelt: „Ich will einfach nur meinen Kuchen!“
Psychedelische Atmosphäre
Ich muss dazu sagen, es ist tatsächlich alles ein wenig mit Hinterzimmer-Atmosphäre behaftet, etwas heruntergekommen, einfach so, wie es in der Realität wohl auch in solchen Räumen aussieht, aber völlig authentisch. „Aber das ist doch, als würden wir uns in einer Traumwelt befinden“, versuche ich ihn zu begeistern. „Und hör doch mal: ‚Das szenografische Werk folgt der fiktiven Erzählung einer Parallelwelt, bestehend aus 13 Innenräumen, darunter eine Punjabi-Küche, ein Wartezimmer, ein betretbarer Kühlraum‘ usw. Und jetzt: ‚In der Erzählung der Szenographie steht das Labor für die Erforschung von psychoaktiven Pflanzen, die vermeintlich mit einem Computer zu einem Hybridgebilde gekreuzt werden, aus dem eine bewusstseinserweiternde Droge namens Marasa hergestellt werden könne.‘ Das ist das, was wir von außen gesehen haben, diese komischen Pflanzen! Von hier aus sieht man sie auch!“ Ich weise auf den Glaskasten mit den Pflanzen.
„Ja ja, Drogen…“, meint er verächtlich. „So sieht das hier auch alles aus.“
Ich fahre ungerührt fort, die Erklärung vorzulesen: „Die Siebdruckwerkstatt (…) ist der Entstehungsort eines Untergrundmagazins, Artichoke Underground. (…) Das Magazin ist eine Anlehnung an den real existierenden „Whole Earth Catalog“, der von kalifornischen Techvisionären wie Steve Jobs gelesen wurde und als Vorläufer von Google gilt (…).“
„Häh?“, entgegnet Grumpy Hubby, der einfach nur raus will aus diesem seltsamen Gebilde. „Und hier: ‚Artichoke Underground verweist auf das von 1952 bis 1953 durchgeführte „Artichoke“-Projekt vom US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst, (…) das der Frage nachging, inwiefern sich ein Individuum durch die Verabreichung von Drogen kontrollieren lässt.‘ Verstehst du nicht? Drogen, die Menschen kontrollieren… Google… Steve Jobs!“ Er guckt mich verständnislos an. „Häh?“ Ich seufze und gebe es auf. Was ich hier sehe, sehe wohl nur ich – und dabei soll es auch bleiben. Oder wie es in dem erklärenden Text heißt:
„Artichoke Underground erzählt eine US-amerikanische Geschichte der Hinterzimmer und gibt einen Einblick in die Mechanismen von optischer Wahrnehmung, Kommunikation und Vorstellungsvermögen.“
So ist es wohl. Als würde man sich in einer Traumwelt befinden, in die man völlig eintaucht. Das ist übrigens auch das, was mit immersiv gemeint ist, lese ich später hier. Wem dieses Eintauchen in fremde Welten genauso gut gefällt wie mir und sich auf eine düstere, leicht gruselige Underground-Atmosphäre einlassen will, sollte dieses Kunstwerk unbedingt besuchen! 😀
Infos
- Sammlung Philara, Birkenstraße 47, 40233 Düsseldorf. Geöffnet Fr 16-20 Uhr, Sa + So 14-18 Uhr, Eintritt: Pay what you wish
- Virtueller Rundgang durch die Installation Artichoke Underground
- Fotos von Artichoke Underground (auf das Foto draufklicken, dann kommen viele kleine Fotos)
- Interview mit den Künstlern Jonah Freeman & Justin Lowe


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