Jugendstil in Hagen (Teil 2) – Das Osthaus Museum Hagen

Das Osthaus Museum ist der zweite zu empfehlende Ort in Hagen für Jugendstil-Enthusiasten. Das Innere des Gebäudes wurde von niemand Geringerem als dem bekannten Jugendstil-Architekten und Designer Henry van de Velde eingerichtet.

1. Architektur und Geschichte des Osthaus Museum Hagen

Nachdem Karl Ernst Osthaus 1896 von seinen Großeltern 3 Millionen Mark geerbt hatte, entschloss er sich, seinen Jugendtraum von der Gründung eines Museums umzusetzen. 1899 erwarb er ein Grundstück am Rande der Hagener Innenstadt und beauftragte den Architekten Carl Gérard, ein Gebäude zu errichten, in dem er auch mit seiner jungen Frau leben würde. Carl Gérard entwarf ein Haus im Stil der Neorenaissance, einer zu der Zeit vorherrschenden Richtung des Historismus, wie man an der Fassade auf dem Foto gut erkennen kann.

Doch kurze Zeit später kam Karl Ernst Osthaus mit dem Neuen Stil in Kontakt. In einem Artikel von Julius Meier-Graefe in der Zeitschrift „Dekorative Kunst“ las er über Henry van de Velde und war so begeistert, dass er ihn in dessen Villa Bloemenwerf in Uccle (einer Gemeinde von Brüssel) aufsuchte. Obwohl der Bau des Museums bereits in Gange war, änderte er seine Pläne und beauftragte Henry van de Velde, das Innere des Gebäudes in Hagen einzurichten. 1902 öffnete das Museum unter dem Namen „Folkwang Museum“ seine Pforten (Namenserklärung auf dieser Seite). Hier ein paar Eindrücke…

2. Heutige Nutzung

Seit 1955 wird das Haus wieder als Museum genutzt. Nach dem frühen Tod von Karl Ernst Osthaus im Jahr 1921 wurde es zum Bürogebäude umgebaut. Die ursprünglichen Bestände wurden von den Erben an die Stadt Essen verkauft und bildeten dort den Grundstock des heutigen Museum Folkwang. Das heißt, das Allermeiste, was Karl Ernst Osthaus damals an zeitgenössischer und Avantgarde-Kunst (u.a. Auguste Renoir, Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Brücke-Künstler…) erworben hatte, befindet sich heute in Essen und nicht mehr in Hagen. Die wenigen Kunstwerke, die heute noch in Hagen verblieben sind, lassen sich hier anschauen.

Emil Schumacher: Lemnos III, 1981

Im Jahr 2009 wurde das Kunstquartier Hagen eröffnet, im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres Ruhr2010. Es besteht aus dem hier beschriebenen Osthaus Museum Hagen und dem benachbarten Emil Schumacher Museum, die durch ein gläsernes Foyer miteinander verbunden sind. Emil Schumacher war ein Maler und Sohn der Stadt Hagen. Seine Werke werden dem Informel zugerechnet, einem Sammelbegriff für abstrakte Werke aus den europäischen Nachkriegsjahren.

3. Damalige Künstlerinnen und Künstler, die in Verbindung zu Karl Ernst Osthaus standen

Artists in residence

Karl Ernst Osthaus knüpfte viele Kontakte. Wie ich schon in meinem Artikel über sein privates Wohnhaus, den Hohenhof, erwähnt habe, plante er noch weitere Schöpfungen der Schönheit: eine Künstlerkolonie ähnlich der in Darmstadt. Dafür lud er verschiedene Künstlerinnen und Künstler ein, die dauerhaft in Hagen leben sollten (heute würde man das Künstlerresidenzen nennen: Artist in residence). Einige konnten sich wohl nicht mit der grauen Industriestadt anfreunden und lehnten ab. Andere kamen für längere Zeit und einer blieb ganz zum Schluss. Für Hagen von besonderer Bedeutung waren vor allem:

  • Milly Steger (1881-1948), eine Bildhauerin, die ein Haus in der Hagener Straße „Am Stirnband“ bewohnte und die für das Theater Hagen vier große und nackte Frauen-Statuen schuf, welche in der Bevölkerung für Protest sorgten.
Theater Hagen, erbaut 1911 im Stil des Neoklassizimus
Vier Frauenfiguren von Milly Steger, ebenfalls 1911 erschaffen

  • Johan Thorn Prikker (1868-1932), ein niederländischer Künstler, der die Glasmalerei weiterentwickelte und darüber hinaus Mosaiken und Wandbilder schuf. Er lebte neun Jahre lang im „Thorn Prikker Haus“ in der Straße „Am Stirnband“. Das Stirnfenster im Hagener Hauptbahnhof wurde von ihm gestaltet. Mehr dazu kann man hier erfahren. Im Hohenhof befindet sich ein dreiteiliges Fenster von ihm mit dem Titel „Kampf koboldartiger Lichtgeister gegen das Dunkel“.
Thorn Prikker Haus, erbaut vom holländischen Architekten Jan Ludovicus Mathieu Lauweriks, der zwischen 1910 und 1914 die neun Häuser in der Straße „Am Stirnband“ entwarf

  • Christian Rohlfs (1849-1938), ein Maler der Moderne, der ein Atelier im Gebäude des Folkwang-Museums hatte und bis zu seinem Tod dort blieb. Seine Kunst entwickelte sich vom Naturalismus über den Impressionismus bis hin zum Expressionismus, bevor seine Werke als „Entartete Kunst“ diffamiert wurden und er Malverbot erhielt. Auf dieser Webseite kann man sich Bilder aus seiner gesamten Schaffensperiode anschauen.

Auswärtige Besucherinnen und Besucher

Karl Ernst Osthaus und seine Frau knüpften sehr viele Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern. Nachlesen kann man das alles in der spannenden und gut geschriebenen Biografie „Karl Ernst Osthaus und Gertrud Osthaus – Die Gründer des Folkwang-Museums und ihre Welt“ von Rainer Stamm und Gloria Köpnick.

Besonders interessant finde ich persönlich die Querverbindung zur „Worpswede-Gruppe“: Die Früh-Expressionistin Paula Modersohn-Becker, der Landschaftsmaler Otto Modersohn und der Jugendstil-Künstler Heinrich Vogeler besuchten das Folkwang-Museum auf einer Reise durch Westfalen und waren begeistert. Etwas später besuchten der Dichter Rainer Maria Rilke und seine Frau, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff das Museum. Auch sie waren mit der Worpswede-Gruppe verbandelt und begeistert von der einzigartigen Sammlung, die Karl Ernst Osthaus zusammengetragen hatte. Alle hatten zuvor in Paris bereits mit der „Neuen Kunst“ Kontakt gehabt und waren nun entzückt, diese in Hagen vorzufinden. Man muss sich vorstellen, dass man sich damals in Deutschland noch in der konservativen Wilhelminischen Ära befand. Karl Ernst Osthaus trug mit seinem fortschrittlichen Museum maßgeblich dazu bei, die Moderne auf den Weg zu bringen. Auch wenn viele Menschen seiner Umgebung nicht in der Lage waren, dies zu erkennen und zu würdigen, wurde ihm zumindest von anderen Künstlern wie „den Worpswedern“ Anerkennung zuteil. Seine Bedeutung, auch für uns heute, ist nicht zu unterschätzen.

Ich möchte mit einem Zitat von Rainer Maria Rilke schließen, dessen Stundenbuch als „literarischer Jugendstil“ gilt. Das Zitat bezieht sich jedoch auf die Kunst:

„Um sich zu erfüllen, muss sie [die Kunst] dort wirken, wo Alle – Einer sind. Wenn sie dann diesen Einen beschenkt, kommt grenzenloser Reichtum über Alle.“

In diesem Sinne viel Spaß beim Besuch in Hagen! 🙂

Infos












Eine Antwort auf „Jugendstil in Hagen (Teil 2) – Das Osthaus Museum Hagen

Add yours

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑