Gedanken zu den Traumwelten Heinrich Vogelers oder: Ist es legitim, der Welt entfliehen zu wollen? (Die Künstlerkolonie Worpswede Teil 3)

Die Faszination der Biografien

Ist es eigentlich von Vorteil, wenn man alles über die Biografien der Künstlerinnen und Künstler weiß, mit deren Werken man sich beschäftigt? Und ist das eine absurde, da in sich geschlossene Frage, deren Antwort ich mir selbst längst gegeben habe?

Persönliches Interesse

Es macht mir von jeher Spaß, mich mit Biografien, genauer gesagt: mit dem Lebensweg, einiger Menschen zu beschäftigen. Vor allen Dingen interessieren mich dabei Personen, die ihren ganz eigenen Weg gegangen sind, sprich: die fernab von den Moden und abseits des Zeitgeists ihrer Epoche ihren Vorstellungen und Wünschen gefolgt sind.
Doch je länger und intensiver ich mich mit dem Jugendstil beschäftige – auf den ich offenbar nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch wegen seiner Abkehr von damals herrschenden Moden gestoßen bin – desto klarer wird mir, dass es nicht immer nur von Vorteil ist, sich bis ins kleinste Detail mit dem Lebenslauf von Künstlerinnen und Künstlern zu beschäftigen.

Erste Eindrücke in Worpswede

Doch von Anfang an:
Bei der Ankunft in Worpswede ist das Erste, wohin mein Hund mich führt, ein Wäldchen mitten im Ort. Und je weiter wir hineintreten, umso mehr werde ich von dem, was ich sehe, in den Bann gezogen.
Es sind die Bäume. Die Bäume und der flache, in die Breite gezogene schlichte Backsteinbau aus den 1920ern, der äußerst gut zu ihnen passt. Dunkle, schlanke Kiefern erheben sich wie eine Armee um das Haus herum. Ihre langen dürren Stämme und bauschigen Kronen wanken im Wind. Nebel umhüllt die Welt dabei an diesem Tag wie ein transparentes Kleid und ich versinke ganz in diesem visuellen Eindruck. Was für eine verwunschene Stimmung… Ich ahne, wieso die Worpsweder Künstler hier aufschlugen. Hier bei den Kiefern kann ich es nachvollziehen.

Große Kunstschau Worpswede

Ankunft im Hotel

Im Hotel Village bekomme ich ein hübsches Zimmer, das sich über zwei Etagen erstreckt. Im unteren Teil befindet sich das Wohnzimmer, im oberen das Schlafzimmer. Als mein Blick auf die Wände fällt, bin ich entzückt. Sind das nicht Gemälde von Heinrich Vogeler, die hier hängen? Wohl kaum die Originale, aber dennoch müssen das Motive von Vogeler sein! Eine Frau im langen blauen Kleid, die in einem Birkenwald steht und versonnen einen Vogel im Baum betrachtet. Auf dem zweiten Bild eine Frau, die in die Ferne guckt – wir sehen nur ihr geknotetes blondes Haar und ihren Körper von hinten. Beide Bilder haben etwas Verträumtes, Unwirkliches und darüber hinaus Schönes, das mich ganz gefangen nimmt. So viel also von meinem Ankommen in Worpswede.

„Frühling“, Heinrich Vogeler, 1897
„Sehnsucht“, Heinrich Vogeler, um 1900

Begegnung mit Heinrich Vogeler

Mit Heinrich Vogeler (1872- 1942) habe ich mich schon vor gut 15 Jahren mal oberflächlich beschäftigt. Damals war ich Mitte Dreißig und genauso entzückt von seinen frühen Bildern wie jetzt. Sie haben etwas Zärtliches und Märchenhaftes, eine Welt, von der wir träumen können, die es aber nicht gibt. Um mehr über diese Bilder und den Maler zu erfahren, mache ich mich gleich auf zum Barkenhoff, dem Haus, in dem Vogeler lebte und das heute ein Museum beherbergt.

Barkenhoff

Besuch im Barkenhoff

Das Haus ist mir von zahlreichen Abbildungen bekannt. Es ist ein spezielles Gebäude und hinterließ schon damals solch einen Eindruck bei mir, dass ich es seit dem ersten Entdecken in einem Buch unbedingt in echt sehen wollte. Auch dieses Haus liegt heute im Nebel und es ist umgeben von einem Wald, Teichen und einem Garten, der an die elegante Treppe mit dem Tor und den Empire-Urnen anschließt. Dahinter der geschwungene Biedermeier-Giebel. Ein wunderbares Fotomotiv:

Barkenhoff

Das Leben des Heinrich Vogeler

Drinnen erfahre ich, dass der Lebensweg Vogelers von geradezu gegensätzlichen Lebensideen geprägt war: vom romantisch gesonnenen und gefeierten Jugendstil-Künstler, der zahlreiche Buchvignetten und Illustrationen schuf, zum überzeugten Vertreter des Sozialismus und Kommunismus, der verarmt und krank in der Sowjetunion starb. Er selbst bewertete sein Frühwerk, das er ganz im Sinne des Jugendstils als Gesamtkunstwerk schuf, inklusive dem Barkenhoff als dazugehöriger Lebenskulisse, im Alter als bloße Traumwelt eines Kleinbürgers, als „Flucht aus den Wirklichkeiten der Zeit in ein erträumtes Märchenland“, also negativ (Aus H. Vogeler: Autobiografische Notizen 1937, zitiert in H. Vogeler: Künstler, Träumer, Visionär, Hirmer Verlag 2022).

Heinrich Vogeler

Martha Vogeler: Eine emanzipierte Frau

Die Frau, die auf zahlreichen Gemälden von ihm abgebildet sind, war seine eigene, nämlich Martha Vogeler, geborene Schröder (1879-1961). Er idealisierte sie auf seinen Bildern und stellte sie als „Femme fragile“ dar, als zartes, überweltliches Wesen. Und alles, was er rund um den Barkenhoff schuf, der Garten, der Umbau vom Bauernhof zum Gesamtkunstwerk, sollte dazu dienen, diese Idealwelt darzustellen. Auch seine Frau wollte er nach seinen Vorstellungen formen und schickte sie zum Gesangs- und Klavierunterricht nach Dresden, wo sie auf sein Geheiß hin das Handwerk des Webens erlernte. Er idealisierte sie so sehr, dass es zu Problemen in der Ehe kam. Seine Frau flüchtete in eine Affäre, die in Trennung von Vogeler und Heirat mit dem neuen Mann mündete. Das traumartige Wesen, das wir auf den Bildern sehen, war also in der Realität eine nicht wirklich von ihrem Mann gesehene Frau, die letztlich unglücklich war. Doch sie emanzipierte sich daraus und schuf ihr eigenes Werk. Sie baute das Haus im Schluh, das heute noch als Museum fungiert, errichtete dort eine Handweberei sowie ein Heimatmuseum und stellte dort frühe Gemälde von Heinrich Vogeler aus.

Martha Vogeler

Reflexion über die Gemälde

Bekommen die Bilder, wenn man diese Hintergrundstory weiß, nicht einen leicht faden Beigeschmack? Zumal Vogeler selbst sie am Ende negativ bewertete?
Ich jedenfalls verlasse etwas betreten den Barkenhoff, betrachte noch einmal die großformatigen Fotoportraits, die am Nebengebäude von allen „Worpswedern“ hängen und bin froh, als ich zurück zu meinem Hund komme, der geduldig im Auto sitzt und auf mich wartet.
Wenigstens einer, dessen Schönheit, Anmut und Zärtlichkeit auch bei genauerem Hinsehen nicht im Geringsten gemindert wird, denke ich, als ich ihn zu einem kleinen Gang durch den Wald ermuntere, woraufhin er ein freudiges „Wuff“ von sich gibt.

Vertiefung in die Geschichte

Als ich nach der Reise wieder zuhause bin, lese ich noch einmal alles in einem Buch über Vogeler nach. Von Seite zu Seite wird meine „Ent-Täuschung“ größer. Kann man, darf man eigentlich heutzutage so glorifizierende Kunst gut finden, frage ich mich? Idealisierte Frauen, die nichts mit der Realität zu tun haben und in Wahrheit sogar gelitten haben wie Martha Vogeler, die sich jedoch befreien konnte? Darf man heutzutage überhaupt in Märchenwelten abtauchen und sich gegenüber der oft unerbittlichen Realität verschließen, mit all ihren Widersprüchen und beängstigenden Zukunftsvoraussagen? Neige ich dazu, in Traumwelten zu flüchten, oder warum sprechen mich die märchenhaften Werke Vogelers besonders an?

„Dornröschen“ (Wandteppich), Heinrich Vogeler, 1899

Plötzlich fühle ich mich wie ein naives Puttchen, wie man im Münsterland sagt – jemand, der sich durch ein paar willkürlich angeordnete Kiefern, ein bisschen Nebel und ein paar hübsche Bilder sofort in eine Traumwelt ziehen lässt. Doch mit etwas Abstand kommen mir andere Gedanken: Ist es nicht legitim, sich hin und wieder aus der Realität zurückzuziehen? Tun wir das nicht alle – und sollen wir es nicht sogar tun, um nicht ganz irre zu werden an und in der heutigen Zeit?

Legitimität des Eskapismus

Sogar Psychologen empfehlen heutzutage, zumindest zeitweise die unerfreulichen Nachrichten abzuschalten und bewusst das auszublenden, was uns herunterzieht. Weltflucht oder Eskapismus ist das böse Wort dafür. Ich denke, für mich selbst ist ein Mittelweg vermutlich der beste Ansatz. Natürlich sollte man es nicht übertreiben und sich in Phantasiewelten verlieren. Möglicherweise hat Vogeler es mit der Gestaltung seiner Lebenswelt ein bisschen übertrieben, indem er auch andere Menschen einbezog und ihnen seine Vorstellungen aufzwang.

Andererseits: Hätte er es nicht getan, hätten wir heute nicht das schöne Haus und die wunderbaren Bilder, in denen wir selbst für einige Augenblicke versinken können, um eine andere, schönere Welt zu erfahren, die ja auch in uns existieren kann. Ich jedenfalls finde es legitim, das dumpfe Rauschen der Realität zeitweise auszublenden, um Kraft zu schöpfen und sich zu verbinden mit dem, was, wie die Autorin Alexa Hennig von Lange kürzlich in einem Beitrag in den sozialen Medien schrieb, eigentlich in uns wohnt: „Die Essenz aus Schönheit, Lieblichkeit, Unschuld, Wärme, Verständnis, Hingabe, Vergebung – und Liebe“.

Abschließende Gedanken

Und so beantworte ich meine eingangs gestellte Frage, ob es von Vorteil ist, sich mit den Biografien der Künstlerinnen und Künstler eingehender zu beschäftigen: Man kann das tun und findet dabei genau die gleichen Schwierigkeiten und Lebenskämpfe, mit denen wir heute zu tun haben. Wir können uns eben auch nie ganz aus dem „realen Leben“ zurückziehen und werden beeinflusst durch das, was um uns herum passiert. Für die damaligen Menschen war das der Erste Weltkrieg. Für Heinrich Vogeler, der freiwillig daran teilnahm, war es die entscheidende Lebenswende, bei der er zum Pazifisten wurde.

Aber auch ohne Krieg erlebt wohl kaum jemand ein ideales Leben, für die meisten von uns ist es eher ein schwieriges Unterfangen. Manchmal findet man aber auch Überraschendes, Inspirierendes, Vorbildhaftes in diesen Biografien: Die Frau, die sich schon damals nicht unterkriegen ließ von den Wunschvorstellungen ihres Mannes. Ein Mann, der von Weltflucht bis zum totalen Auseinandersetzen mit der Realität bis hin zum Ausleben politischer Ansichten alles durchlebt hat. Künstlerinnen und Künstler, die ihren eigenen Vorstellungen gefolgt sind, fernab von dem, was die Familie oder die Gesellschaft für sie vorgesehen hatte.

Aber es hat in meinen Augen ebenso eine Berechtigung, ein Kunstwerk als eigenständiges Werk zu sehen, das ungeachtet der Biografie des Künstlers oder der Künstlerin Bestand hat. Denn das kennzeichnet es ja auch: Es ist von solcher Qualität, egal ob kunsthistorisch hoch bewertet oder nicht, dass es die Jahrzehnte überdauert und immer noch gewürdigt wird von Menschen (Paula Modersohns Werk wird im Nachhinein als wesentlich bedeutsamer für die und von der Kunstgeschichte gesehen als das von Heinrich Vogeler). In diesem Sinne erfreue ich mich jetzt weiterhin an Heinrich Vogelers Gesamtkunstwerk und ich hoffe, ihr tut das auch. 🙂

„Martha von Hembarg“, Heinrich Vogeler, 1894

Literaturempfehlungen

  • Heinrich Vogeler: Künstler – Träumer – Visionär, Hirmer Verlag 2022
  • Heinrich Vogeler und der Jugendstil, Dumont 1997
  • Künstlerkolonie Worpswede, Prestel Verlag 2015
  • Worpswede: Einführung in Landschaft und Kunst, Atelier im Bauernhaus, 2009

Eine Antwort auf „Gedanken zu den Traumwelten Heinrich Vogelers oder: Ist es legitim, der Welt entfliehen zu wollen? (Die Künstlerkolonie Worpswede Teil 3)

Add yours

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑