
Kennt ihr das? Man sieht etwas, findet es durchaus schön, hat es aber doch nicht richtig wahrgenommen. Erst später schaut man nochmal genauer hin und bemerkt, was für einer Kostbarkeit man damals begegnet ist. So erging es mir zumindest mit dem Schloss Rheydt in Mönchengladbach.
Ein Freund hatte uns einige Male dorthin eingeladen. Wir trafen uns mit den Hunden zum Spaziergang im schönen Schlosspark, aßen anschließend in der Pizzeria, die sich in einem Neubau auf der Schlossanlage befindet, und genossen jedes Mal die tolle Atmosphäre der alten Gemäuer. Was mir aber seinerzeit völlig entging: Es handelt sich um die einzig vollständig erhaltene Renaissance-Wasserschlossanlage am Niederrhein, inklusive eines Museums über die Renaissance! Was für eine Gelegenheit, etwas über diese Epoche zu erfahren… ohne nach Italien reisen zu müssen! 😉

Baugeschichte Schloss Rheydt
Schloss Rheydt befindet sich im gleichnamigen Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt, der mit dem Auto von Düsseldorf etwa 35 Minuten entfernt liegt. (Nebenbei: Weil Rheydt ehemals eine selbständige Stadt war, gibt es in Mönchengladbach zwei Hauptbahnhöfe, den in Mönchengladbach und den in Rheydt: Das ist einmalig in Deutschland!)
Die Schlossanlage besteht aus einer Torburg, einer Vorburg und einem Haupthaus, dem Herrenhaus. Schon im Mittelalter stand an gleicher Stelle eine Burg. Das, was wir heute sehen, wurde im 16. Jahrhundert durch die Mitglieder der Familie Bylandt errichtet. Da damals die Verteidigungsfunktionen ausgelagert wurden auf die das Schloss umgebenden Wallanlagen mit ihren Gräben, Bastionen und Kasematten, konnte das Herrenhaus zu einem repräsentativen Gebäude – eben einem Schloss – im Stil der Renaissance (mit niederländischen Einflüssen) umgebaut werden. Dazu beauftragte der damalige Hausherr Otto von Bylandt (1531-1591) den Jülicher Baumeister Maximilian Pasqualini (1534 – 1572).


Über die Ausstellung
Im Erdgeschoss erfährt man im Rahmen der Ausstellung mehr über die adelige Familie von Bylandt und ihr Leben im Schloss. Der eindrucksvolle, in roter Wandfarbe gehaltene Rittersaal mit zahlreichen Adeligen-Portraits lädt ab und an sogar zu Konzerten ein (Link siehe Infos). Im Obergeschoss geht es dann um die Architektur und die Welt der Renaissance (und des frühen Barocks) an sich. Zahlreiche Ausstellungsobjekte vermitteln ein gutes Bild der damaligen frühen Neuzeit. Besonders beeindruckend fand ich die sogenannte „Wunderkammer“ und die für die Renaissance typisch bemalte und tatsächlich aus der Entstehungszeit des Schlosses stammende erhaltene Decke.


Im Kellergeschoss bestaunen lassen sich Ausgrabungsfunde, u.a. aus dem Mittelalter und Reste der früheren Burganlage. Zudem gibt es Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als das Schloss für Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, geboren in Rheydt, zur Wohnstätte umgebaut werden sollte. Eigentlich war es bereits seit 1917 im Besitz der Stadt Rheydt und teilweise als Museum genutzt worden. 1949 wurde es nach Umbauarbeiten wieder dieser Funktion zugeführt.
Was am Schloss Rheydt ist nun typisch „Renaissance“ ?
Typisch Renaissance, die zunächst in Italien im 15. Jahrhundert einsetzende Kulturepoche, ist der Arkadenhof des Herrenhauses, denn er entspricht von der Anlage her genau italienischen Vorbildern wie dem Ospedale degli Innocenti in Florenz, einem der ersten Gebäude im Renaissance-Stil. Die Masken und Fratzendarstellungen an der Fassade hingegen werden dem „Florisstil“ zugeordnet, welcher die nordeuropäische Variante der Renaissance darstellt (auch Niederländische Renaissance genannt).

Über dem Säulengang befinden sich vier Rundbilder, sogenannte „Tondi“. Sie zeigen vier antike, römische Helden. Das ist ein typisches Merkmal für die Renaissance, in der die Menschen die Antike und ihre humanistischen Ideale wiederentdeckten, also sich von Weisheiten der Philosophen wie Platon oder Cicero inspirieren ließen. Etwas überraschend mögen einem deshalb die grotesken Fratzendarstellungen vorkommen, weil sie eher für Irrationales stehen. Doch laut Erklärung im Museum bilden sie keinen Widerspruch, sondern stehen für das Dämonische, Ursprüngliche, was der Mensch aber mit der Vernunft und dem Verstand überwinden kann.

Typische Merkmale der Renaissance
Die Epoche der Renaissance schließt prinzipiell an die der Gotik an, wobei die Renaissance in Italien viel früher stattfand, während z.B. in Nordeuropa überall noch nach „gotischer Art“ gebaut wurde. Insgesamt spricht man bei der Renaissance mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen in den verschiedenen Ländern grob über einen Zeitraum von ungefähr 1420 bis 1600. Alles ist aber natürlich zeitlich nie klar voneinander abzugrenzen, es gibt Überschneidungen und Entwicklungen, die schon im Mittelalter begonnen haben.
Entscheidend für den Wandel, bei dem der Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit stattfand, waren umgreifende Veränderungen: Vor allem die Wiederentdeckung der Antike mit ihren humanistischen Idealen („Renaissance“ (franz.) für „Wiedergeburt“) ist ein maßgebliches Charakteristikum der Epoche, verbunden mit einem neuen Menschenbild, in dem Gott nicht mehr als Maß aller Dinge gesehen wurde, sondern der Mensch ins Zentrum des Interesses rückte. Das bedeutet nicht, dass das Christentum keine Rolle mehr spielte, die Meister der Renaissance wollten vielmehr den Geist der Antike mit dem Glauben versöhnen.
Aber auch der Buchdruck, der durch Johannes Gutenberg (1400-1468) erfunden wurde, veränderte alles, denn dadurch konnte sich das Wissen schneller verbreiten. Ebenso der Aufstieg des Bürgertums und allerhand neue Erfindungen und Entdeckungen, u.a. die Fahrt von Christoph Kolumbus oder die Entdeckungen von Nikolaus Kopernikus … All das kennzeichnet den Beginn eines neuen Zeitalters. Dabei grenzten sich die Menschen der Renaissance bewusst gegen das in ihren Augen „finstere Mittelalter“ ab, in denen die Errungenschaften der Antike vergessen worden waren. Heutzutage ist umstritten, ob die düsteren Vorstellungen von unwürdigen Wohnverhältnissen, stinkendem Müll auf den Straßen und impulsiven, grimmigen Menschen, welche auch im 19. Jahrhundert verbreitet waren, wirklich zutreffen (siehe Artikel unten).
Architektur und Kunst der Renaissance allgemein
In der Architektur wurden 1414 die Schriften des römischen Architekten Vitruvs (ca. 80/70 -15 v. Chr.) „Zehn Bücher über Architektur“ wiederentdeckt und zum Vorbild genommen. Die antiken Ruinen wurden parallel dazu ausgegraben und alle Einzelteile wie Kapitelle, Säulen usw. vermessen, um aus dem bildlosen Buch Anweisungen für den Bau ableiten zu können. Der einflussreiche Architekt Sebastiano Serli (1475-1554) entwarf eine Theorie der Säulenordnungen, in der die Höhe der korinthischen, dorischen, ionischen Säulen usw. festgelegt wurden. Der Beruf des individuell bekannten, quasi als künstlerischer Urheber des Bauwerks angesehenen Architekten bildete sich heraus (im Gegensatz zu den Baumeistern des Mittelalters, deren Namen alle nicht überliefert sind). Einer der wichtigsten Architekten, auf den der sogenannte Palladianismus zurückgeht, war Andrea di Pietro della Gondola (1508-1580), genannt Palladio. Er schrieb das Buch „Die vier Bücher der Architektur“, das 1570 erschien und zum Standardwerk seiner Zeit wurde.
In der Malerei wurde die Zentralperspektive entdeckt, so dass die Gemälde zum ersten Mal eine räumliche Tiefe aufweisen. Typische Renaissance-Künstler waren Michelangelo (1475-1565), Sandro Botticelli (1445-1510), Leonardo da Vinci (1452-1519), Andrea Mantegna (1431-1505) oder Pieter Bruegel (um 1525/30-1569). Zum ersten Mal seit der Antike bekamen Menschen auf den Porträts individuelle Merkmale und die Abbildungen wurden wirklichkeitsgetreuer. Die Götter der Antike hielten auch wieder Einzug auf Gemälden. Sie dienten als Allegorien, um abstrakte Ideen und menschliche Gemütsregungen darzustellen.


Natürlich wird man im Schloss Rheydt keinen Michelangelo oder Botticelli sehen, aber es gibt dort sehr viele andere schöne Bilder und Kunstobjekte aus der Zeit, die die Epoche der Renaissance wunderbar im Kopf zum Leuchten bringen. Auf nach Schloss Rheydt! 😉
Infos
- Schloss Rheydt (eigene Webseite)
- Architekturbeschreibung des Schlosses (Burgendatenbank)
- Schlosskonzerte im Rittersaal
- Sommermusik (Open Air)
- Purino (Italienisches Restaurant auf dem Schlossgelände)
- „Mythos Mittelalter – Das Ende der Finsternis“ (Artikel Süddeutsche Zeitung)
- „Kunst kurz erklärt: Die Allegorie“ (Blog der Künstlerin Lea Finke)
Literatur
- Wilfried Koch: „Baustilkunde“ (Buch, Bertelsmann Lexikon Verlag, 2009)
- Geo Epoche Edition: Renaissance (Geschichtsmagazin, Gruner & Jahr, 2011)
- Barbara Borngässer u.a.: „Architektur der Renaissance. Die Ästhetik großartiger Baukunst“ (Buch, Moewig Verlag, 2008)


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