
Wenn man verstehen möchte, was die Epoche Barock ausmacht, muss man nur einmal vom Ortskern Nordkirchen bis zum Ehrenhof des Schlosses laufen. Die imposanten Ausmaße des Schlossparks mit seinen insgesamt 170 ha merkt man sofort in den Füßen, auch wenn es sich beim direkten Weg vom Dorf zum Schloss nur um einen Kilometer Fußweg handelt: Zahlreiche prächtige baumbestandene Alleen kreuzen sich und in der Ferne tauchen zwischen den Bäumen kleine Bildausschnitte des „Westfälischen Versailles“ auf. Auf der Venusinsel, die an die Nordseite des von Gräften umgebenen Schlosses anschließt, schmücken unzählige Skulpturen die Grünanlage wie ein imponierendes Vorzimmer. Pracht, Macht und Symmetrie: Das alles ist auf den ersten Metern des Schlossgeländes zu spüren. Und genau das macht die Epoche des Barocks aus.


Doch von vorne. Kürzlich entschlossen wir uns zu einem Trip in unsere ehemalige Heimat, dem Münsterland. Viele wissen vielleicht, dass es dort mehr als 100 Schlösser gibt, die man auf der 100-Schlösser-Route, einem Rad-Wanderweg, entdecken kann (Link siehe Infos). Wir waren allerdings nicht mit dem Fahrrad unterwegs, sondern kamen aus Düsseldorf mit dem Auto samt Hund Monty angereist (mehrere Parkplatz-Anlagen stehen rund um das Schloss parat). Nordkirchen ist definitiv von allen 100 Schlössern das Imposanteste.
Was ist denn nun typisch Barock am Schloss Nordkirchen?
Ich persönlich verknüpfe mit der Barockzeit ja vor allem bayerische Kirchen mit Zwiebeltürmen, die unglaublich prachtvoll ausgestattet sind, was wohl irgendwas mit meiner Münchner Großmutter zu tun haben muss. Als ich vor Schloss Nordkirchen mit der eher streng wirkenden symmetrischen Fassade stehe, denke ich demnach erstmal „Das ist doch gar kein Barock, das ist doch Klassizismus oder was auch immer…“

Doch meine Recherchen ergeben, dass die Zwiebeltürme und die opulente Ausstattung typische Merkmale des so genannten Bayrischen Barocks sind. Schloss Nordkirchen hingegen ist ein Beispiel für barocke Architektur in Westfalen, in der auch andere Einflüsse verarbeitet wurden und beispielsweise regionaler, roter Backstein oder der typisch beige-graue Sandstein aus den münsterländischen Baumbergen verwendet wurde. Darüber hinaus finden sich beim Schloss Nordkirchen Anklänge an den Barock niederländischer Wasserschlösser wie Het Loo. Diese stellen eine protestantisch geprägte, nüchternere Ausprägung des Barock dar, der sich bewusst vom prunkvollen Stil der katholischen Länder wie Italien oder Bayern absetzte. Die niederländische Barockarchitektur wirkt klarer und strenger und orientiert sich stärker an klassischen Formen, bleibt jedoch eindeutig Teil des Barocks mit der Symmetrie, den Sichtachsen und der Inszenierung von Pracht – und ist nicht mit dem späteren Klassizismus zu verwechseln, der sich ab ungefähr 1750 entfaltete. Der niederländische Barock ist übrigens besonders in der Malerei ausgeprägt. Das wohlhabende Bürgertum ließ sich von Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens oder Jan Vermeer portraitieren.


Entwicklung des Barocks
Der Barock entstand ursprünglich um etwa 1600 in Rom, zur Zeit der Glaubenskriege zwischen den historischen Epochen Reformation und Gegenreformation. Die Päpste wünschten sich eine spektakuläre Kunst, die den Gläubigen vermittelte, dass die katholische Kirche immer noch machtvoll war. Denn bald darauf wuchs auch der Einfluss der weltlichen Herrscher wie zum Beispiel des „Sonnenkönigs“ König Ludwig XIV. in Frankreich. Um die Gläubigen von der eigenen Macht zu überzeugen, wurde mit viel schönem Schein gearbeitet: prachtvolle Säulen, die sich doch nur als Deckengemälde herausstellen; Putten aus Gold, die in Wahrheit aus Stuck bestanden… Alles war darauf angelegt, die Menschen zu beeindrucken, und wenn man sich die reich dekorierten und schwingenden Fassaden römischer Kirchen anguckt, ist der Plan vollends aufgegangen. Die Kunstrichtung breitete sich von Rom über ganz Europa aus und erfasste auch den Adel, der mit großer Begeisterung immer stattlichere Schlösser und Residenzen baute, in denen ausufernde Prunkfeste zelebriert wurden. Im ehemaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation künden noch heute die Würzburger Residenz, Schloss Nymphenburg und zahlreiche andere Gebäude von der Begeisterung für den prachtvollen Baustil in seinen regional unterschiedlichen Ausprägungen. Doch zurück zum Schloss Nordkirchen. Wenn man all das weiß, versteht man plötzlich, wieso die Fassade hier etwas strenger wirkt als die der verschnörkelten bayerischen Kirchen, die ich mit meiner Großmutter besucht habe. Es ist eben keine gefühlsbetonte Dramatik wie in den südlicheren Gefilden, es ist die nüchternere, aber für meinen Geschmack auch etwas eleganter wirkende westfälische Variante des Barock. 😉
Aufbau des Schlosses
Die symmetrisch um einen Ehrenhof angelegte Dreiflügelanlage besteht aus einem Hauptgebäude (Corps de Logis) mit zwei niedrigeren Flügelbauten. Der Ostflügel enthält eine stuckverzierte Schlosskapelle, in der sich Paare trauen lassen können. Der Westflügel wird von einer interessanten Sonnenuhr geschmückt. Das Gebäude steht auf einer Insel, umgeben von einem Wassergraben („Gräfte“). An den vier Ecken der Insel befinden sich jeweils achteckige Pavillons. Die UNESCO erklärte Schloss Nordkirchen zum „Gesamtkunstwerk von internationalem Rang“.



Geschichte des Schlosses Nordkirchen
Wie kam es aber eigentlich dazu, dass im Kreis Coesfeld ein derart prachtvolles Schloss entstand, das bis zum heutigen Tage komplett erhalten ist? Schon Anfang des 16. Jahrhunderts stand an der Stelle des heutigen Schlosses eine Burg der Herren von Lüdinghausen, genannt Morrien (der Name leitet sich von Morian ab, die Familie waren überzeugt, von Melchior, einem der Heiligen Drei Könige abzustammen). Da die männlichen Nachkommen fehlten, starb die Familie aus und der Besitz wurde 1694 an den Fürstbischof von Münster, Friedrich Christian von Plettenberg (1644-1706), verkauft.

Dieser gab den Bau des heutigen Schlosses in Auftrag. Zwischen 1703 und 1712 entwarf und realisierte Gottfried Laurenz Pictorius (1663-1729) gemeinsam mit seinem Bruder Peter Pictorius d.J. die wichtigsten Teile des Schlosses. Der bedeutendste Architekt des Barocks in Westfalen Johann Conrad Schlaun (1695-1773), der auch in Münster viele wichtige Bauwerke entwarf, stellte das Werk schließlich nach 30 Jahren Bauzeit fertig. Grund für den Architektenwechsel war der Tod des Fürstbischofs Christian von Plettenberg. Sein Erbe, Neffe Ferdinand von Plettenberg (1690-1737) wollte einen moderneren Architekten und Gartenkünstler, denn er war zum ersten Minister von Clemens August zu Bayern (1700-1761) aufgestiegen und wollte einen repräsentativen Bau erschaffen.

Johann Conrad Schlaun, der gerade aus Frankreich und Italien wiedergekehrt war, war hauptsächlich für das Innere des fast schon fertiggestellten Schlosses und die Gartenanlagen verantwortlich. Er schuf einen der bedeutendsten Gärten der Zeit im Stil des französischen Barocks. Doch schon 1733 musste Ferdinand von Plettenberg aufgrund einer Intrige das Schloss Nordkirchen verlassen und lebte mit seiner Familie bis zu seinem frühen Tod 1737 in Wien. Die Familie Plettenberg kehrte erst 1806 wieder nach Nordkirchen zurück und erlöste das Schloss aus einem fast 100 Jahre währenden Dornröschenschlaf. Die letzte Tochter, Maria von Plettenberg, heiratete 1833 den ungarischen Grafen Nicolaus Franz von Esterhàzy-Galántha. Sie beauftragten den aus Düsseldorf stammenden Königlichen Gartenbaudirektor Maximilian Friedrich Weyhe (1775-1846) mit der Umgestaltung des Gartens. Der Sohn der beiden blieb unverheiratet und nach seinem Tod fiel das Anwesen an ungarische Verwandte. 1903 erwarb es Herzog Engelbert Maria von Arenberg und ließ es zu Teilen rebarockisieren. 1950 verpachtete er das Schloss als Landesfinanzschule an das Land Nordrhein-Westfalen. Aus dieser ging die Fachhochschule für Finanzen NRW hervor, die dort immer noch ihren Sitz hat. Zahlreiche Restaurierungen fanden seitdem statt. Seit 1958 gehört Schloss Nordkirchen dem Land NRW.

Wer noch mehr Details über die verschiedenen Bau- und Entwicklungsstufen, die das Schloss bzw. der Park in seiner Anlage durchliefen, wissen möchte, kann das auf den unten verlinkten Seiten erfahren oder sich einfach selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen. Im Rahmen einer Führung lässt sich auch das Innere besichtigen. Kleine Anmerkung: Zurzeit finden Sanierungsarbeiten statt, die Fassade ist in einigen Bereichen eingerüstet. Die Venusinsel darf leider nicht mit Hund betreten werden.
Infos
- Schloss Nordkirchen (Eigene Webseite)
- Geschichte des Schlossparks (Eigene Webseite)
- Ein Rundgang durch die Geschichte des Schlosses (Eigene Webseite)
- Schloss Nordkirchen Übersichtsplan (Webseite Heimatverein)
- Tolle Fotos, auch von oben (Webseite Reisewut)
- 100-Schlösser-Route (Webseite Münsterland)
- Paleis Het Loo (Eigene Webseite)
- Geo Epoche Edition Barock – Das Zeitalter der Inszenierung 1600-1750 (Lektüreempfehlung)


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