Ausstellungstipp: „Carl Grossberg. Sachlich – Magisch – Visionär“ im Von der Heydt-Museum in Wuppertal (noch bis zum 30. August 2026)

Grumpy Hubbys und meine Meinung über Wuppertal gehen etwas auseinander. Neulich, als wir dort eine Ausstellung über Carl Grossberg (1894-1940) besuchten (dazu weiter unten mehr), kriegten wir uns beinahe in die Haare. Während wir im Auto durch die Stadt fuhren und ich überall interessante Architektur aus jeglichen Epochen entdeckte, egal in welchem Zustand – allein die Substanz und die Vielfalt dort ist großartig -, sah er vor allem Nachkriegsbauten in – vorsichtig ausgedrückt – keiner guten Verfassung. Während er in der sonntäglich öden Fußgängerzone den bettelnden, Blockflöte spielenden Rentner und andere, offenbar obdachlose Menschen bedauerte, riss ich vor Staunen über die tolle Sammlung im Von der Heydt-Museum die Augen auf. Während er immer grummeliger wurde („Grumpy“ Hubby eben), wurde ich immer euphorischer.

Nun sind wir inzwischen erfahren genug, dass wir schnell einsehen: Beide Sichtweisen sind irgendwie richtig. Eine Erklärung für unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen lässt sich mit einem Klick finden: Einst gehörte Wuppertal (bzw. bis 1929 die selbstständigen Städte Elberfeld und Barmen) als moderne Industriemetropole zu den reichsten Städten in Deutschland und genau das kann man heute noch an zahlreichen alten Gebäuden sehen (siehe meine Artikel über das Zooviertel und das Briller Viertel). Heutzutage aber ist das anders: Der Strukturwandel hat sichtbare Spuren hinterlassen. Die Textilindustrie, für die Wuppertal einst ein bedeutender Standort war, wanderte nach Asien ab und die Schere zwischen Arm und Reich ging immer weiter auf (siehe Artikel aus der ZEIT hier).

Ob der Maler Carl Grossberg, der 1894 in Elberfeld geboren wurde, das voraussehen konnte? Vermutlich eher nicht. Und dennoch wirken seine nüchtern-sachlichen Industriebilder und auch seine Traumbilder (mit fantastischen Elementen) teilweise unheimlich. Sie spiegeln gut die Komplexität des modernen Lebens und seine bedrohlichen Widersprüche. Er selbst hat Elberfeld zum Studium verlassen und kehrte auch danach nicht wieder zurück, sondern lebte ab 1921 nahe Würzburg. Das Von der Heydt-Museum widmet ihm jedoch in Zusammenarbeit mit dem MiK Würzburg (Museum im Kulturspeicher) eine umfassende Retrospektive. Es ist die erste seit 30 Jahren.

Neue Sachlichkeit

Carl Grossberg wird zu den Künstlern der Neuen Sachlichkeit gezählt. Dieser Begriff wurde zum ersten Mal 1925 für eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim benutzt, um die damalige Kunst von der davor herrschenden Strömung des Expressionismus abzugrenzen. Typische Merkmale sind der sachlich-realistische Blick und eine sozialkritische Perspektive. Die Kunstwerke der Ausstellung dürfen zwar zu privaten Zwecken fotografiert werden, aber aus urheberrechtlichen Gründen nicht im Internet gezeigt werden. Aber hier bei Ecosia kann man eine beträchtliche Auswahl sehen.

Wer war Carl Grossberg?

Carl Grossberg, der nach dem Abitur zunächst in Aachen Architektur studierte, wurde nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er physische und psychische Traumata erleidet, 1919 und 1921 am Bauhaus Schüler von Lyonel Feininger. So überraschte es mich dann auch etwas zu lesen, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste war. Doch in der Ausstellung heißt es, dass Grossberg und seine Frau als „Kommunisten“ verschrien und innerlich Gegner des Regimes waren. Er nahm Aufträge wie für die Ausstellung „Deutsches Volk, deutsche Arbeit“ nur an, um seine Familie durchzubringen.

Dass die Zugehörigkeit zum Bauhaus nicht in absolut jedem Fall gleichbedeutend war mit einer Ablehnung des Nationalsozialismus, beleuchtete zum ersten Mal im Jahr 2024 die Ausstellung „Bauhaus und Nationalsozialismus“ der Klassik Stiftung Weimar (siehe Artikel darüber hier).

Carl Grossberg wurde 1939 zum Militärdienst einberufen und 1940 in Südfrankreich als Fahrer in einen Unfall verwickelt, bei dem der Beifahrer starb. Dafür wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt. Er nahm sich das Leben. Seine Gemälde aber leben fort und sind definitiv einen Besuch wert. Egal, ob man die Stadt Wuppertal – so wie ich – besonders spannend findet oder nicht.

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