„Wie toll, dass wir noch hierhin gegangen sind“, rufe ich begeistert und drücke Grumpy Hubby die Hundeleine samt Anhang in die Hand um schneller zum Konzertgebäude zu kommen, das ich unter dem Schlagwort „Jugendstil in Nijmegen“ im Internet gefunden habe. Es liegt direkt neben dem Zentrum der ältesten Stadt der Niederlande, am Keizer Karelplein, einem stark befahrenen Platz, der nach Karl dem Großen benannt ist.
Meine beiden Jungs gucken leicht verdutzt, als ich sie so dastehen lasse und zum „Concertgebouw“ eile, ähnlich wie die Masken mit den aufgerissenen Mündern an den beiden Turmecken, die mir sofort ins Auge stechen. Doch die Architektur nimmt mich so gefangen, dass ich nicht anders kann und kurz darauf stehe ich wohl mit derselben Mimik wie Mann und Hund vor dem Konzertsaal.


Die Masken lassen mich sofort an den opulenten Rigaer Jugendstil denken, den ich 2024 in natura betrachten durfte (siehe Blogbeitrag hier). Die Inschrift am zurückgesetzten Natursteingiebel und die Symmetrie des Gebäudes erinnern mich ein kleines bisschen an die Fotos, die ich von der Wiener Secession gesehen habe. Die Ziegelsteine wiederum rufen Assoziationen zu backsteinexpressionistischen Gebäuden wie dem Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen hervor, wo ich letztes Jahr gewesen bin. Einfach toll, denke ich. Überall findet man Spuren vom Jugendstil und der Moderne, egal wo man hinfährt.

Grumpy Hubby gibt einen qualifizierten Kommentar ab, als er herannaht: „Es erinnert mich ein bisschen an Industriearchitektur.“ „Das ist wahr, das liegt vielleicht an dem rechteckigen, langgezogenen Gebäude mit den Türmen oder der Verwendung von Backstein“, mutmaße ich. Er nickt und schweigt.



„Symmetrie wie sie hier zu sehen ist, ist ja ein Merkmal von Art Déco-Architektur…“, überlege ich laut und ziemlich schulmeisterlich. „Doch das mit dem Jugendstil bezieht sich doch wohl nur auf den Bauschmuck wie die Masken und die Ornamente?“ Grumpy Hubby zuckt mit den Schultern. Sein Fassungsvermögen für architektonische Details scheint für heute erschöpft zu sein. Verständlich! 😉
Im Internet finde ich wie immer als erstes die eigene Webseite. Dort heißt es (auf Niederländisch): „Gegenüber der Stadsschouwburg liegt das Konzertgebäude „De Vereeniging“: ein architektonisches Prunkstück im Art-Déco- und Jugendstil.“ Im Wikipedia-Artikel steht (ebenfalls auf Niederländisch): „De Vereeniging, erbaut in der strengen, klassizistisch orientierten Form der „Um 1800-Bewegung“, weist Merkmale des Jugendstils und des Art Déco auf.“ Klicke ich auf den „Um 1800“-Artikel, steht dort, dass es sich bei der „Um 1800-Bewegung“ um einen Stil handelt, der gegen den Rationalismus gerichtet war und seinen Höhepunkt zwischen 1905 und 1914 erreichte. Aber was ist der Rationalismus? Die niederländische Entsprechung für die Neue Sachlichkeit? Ich verschiebe die Recherche auf zuhause und mache noch ein paar Fotos. „Auf jeden Fall toll, dass Du noch auf den kleinen Schlenker vor der Heimfahrt bestanden hast“, lobe ich Grumpy Hubby überschwänglich. „Das wäre echt schade gewesen, wenn wir es nicht gesehen hätten.“ Er grinst angesichts meiner Lobhudelei, schaut dann aber ausnahmsweise mal ganz zufrieden drein und wird vielleicht für einen Augenblick zum Happy Hubby. 😉

Baugeschichte
Zuhause finde ich folgende Informationen über die Baugeschichte: Der Architekt hieß Oscar Leeuw (1866-1944) und hat das Gebäude gemeinsam mit seinem Bruder Henri Leeuw jr. (1861-1918) entworfen. Letzter plante die Skulpturen welche „vom Antwerpener Bildhauer Egidius Ludovicus Everaerts (1877–1949) (die figurativen Werke) und vom Roermonder Bildhauer Jacques A. Oor (die nicht-figurativen Werke) ausgeführt wurden“ (Übersetzung der Beschreibung auf der Webseite Rijksmonumenten.nl). Eröffnet wurde es im Jahr 1915. Im Innern befindet sich ein Konzertsaal, der 1.450 Besucherinnen und Besuchern Platz bietet und bekannt ist für seine fantastische Akustik. Darüber hinaus gibt es noch einen kleinen Saal für 240 Leute und weitere Räume wie ein Foyer, den Annasaal, den Löwensaal und ein Restaurant.


Doch eine klare Einordnung in eine architekturhistorische Epoche scheint wie immer schwierig zu sein bzw. es sind nur widersprüchliche Informationen im Internet zu finden. Während der Wikipedia-Artikel von einem Gebäude spricht, dessen Stil sich gegen den des Rationalismus richtete, steht auf der Rijksmonumenten-Seite genau das Gegenteil: „Konzertsaal aus den Jahren 1914–1915 von Oscar Leeuw im Stil des Rationalismus“. Und: „Von architekturgeschichtlichem Wert als gut und intakt erhaltenes Beispiel für ein Konzertgebäude mit vom Rationalismus beeinflusster Ornamentik“. Da es sich ja um eine Einordnung ähnlich unserer deutschen Denkmalbehörde handelt, würde ich persönlich eher dieser Beschreibung folgen.
Eine Definition des Rationalismus fand ich auf der Seite der staatlichen Behörde fürs kulturelle Erbe der Niederlande: „Der Rationalismus ist eine architektonische Bewegung aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Sie basiert auf dem Prinzip, dass alle architektonischen Probleme rational gelöst werden können. Es stand im Gegensatz zum emotionalen Ansatz in Stilen wie Expressionismus und Jugendstil. Wie diese war es eine Antwort auf den Historismus des neunzehnten Jahrhunderts. Streng genommen ist „Rationalismus“ nicht ein spezifischer Architekturstil, sondern der Begriff wird für eine bestimmte Tendenz verwendet, die einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des Neuen Bauens hatte“.
Wie auch immer, das Gebäude spricht ja für sich. Und es spricht definitiv die Sprache der Moderne.

Oder um es nochmal mit den Worten derjenigen zu sagen, die es als Rijksmonument eingeordnet und beschrieben haben: „Das Gebäude besticht durch hochwertige ästhetische Qualitäten, wie den fortschrittlichen Materialeinsatz und die reichhaltige Ornamentik. Charakteristisch sind unter anderem die Ornamente an den Fassaden und die Elemente im Innenraum. (…) Von Bedeutung ist es auch aufgrund der vorhandenen Skulpturen an den Fassaden. -Von städtebaulichem Wert aufgrund der prominenten Lage am Keizer Karelplein, wo die streng symmetrische Fassade das Stadtbild prägt. – Von kulturhistorischem Wert als gut und vollständig erhaltenes Beispiel für einen Konzertsaal aus dem Anfang dieses Jahrhunderts.“
Infos
- Concertgebouw de Vereenigung (Webseite)
- Merkmale der Art-Déco-Architektur (Webseite Archiproducts)
- Biografischer Text über Oscar Leeuw, in dem das Concertgebouw als „expressionistisch“ bezeichnet wird (Amsterdamer Schule Platform)


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