Gleich zu Beginn sei gesagt: Das hier ist ein Erfahrungsbericht und man kann diese grandiose Virtual-Reality-Performance leider nicht mehr erleben, denn sie fand nur für vier Tage im Rahmen des Asphalt-Festivals statt. Das Stück, bei dem man zunächst drei reale und dann viele andere virtuelle Räume erkundet, lud dazu ein, unseren Umgang mit alternden und kranken Menschen zu hinterfragen und hautnah zu erleben, wie sich die eigene künftige Verletzlichkeit anfühlt. Ich hatte gleich zweimal Glück: Erstens, dass Grumpy Hubby überhaupt darüber gelesen hatte (ganz klassisch in der guten alten Zeitung). Und zweitens war eigentlich schon alles ausverkauft, doch als ich nochmal auf der Webseite lugte, ploppte plötzlich ein Ticket für einen Timeslot am Sonntagnachmittag auf. Leider konnten wir kein zweites Ticket für ihn kaufen, denn man musste zwingend alleine durch die Installation gehen.
Eigentlich mag ich es ja nicht so, die Kontrolle zu verlieren. Andererseits besteht für mich auch ein gewisser Reiz darin, zumindest in einem geschützten Rahmen wie einer solchen Performance. So war mir dann aber tatsächlich ein bisschen mulmig zumute als ich dorthin fuhr, schließlich standen in der Beschreibung lauter Warnungen wie „Die Performance enthält Andeutungen von physischer und psychischer Gewalt und Vernachlässigung, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Krankheit, Sterben, Suizid und Tod. Sie arbeitet im Virtual-Reality-Teil mit Elementen von Enge, Höhe, Orientierungslosigkeit und Dunkelheit“ usw.
Ich wusste nicht, ob ich es ertragen würde und als mir der nette junge Mann bei der Einweisung erklärte, ich könne jederzeit abbrechen, fragte ich zaghaft, wie viele Leute das denn getan hätten. Drei oder vier, antwortete er, was das flaue Gefühl im Bauch nicht gerade entschärfte. Nun denn, irgendwie wollte ich ja auch wissen, was hinter diesen spektakulären Warnungen steckte. Ich gab mir einen Ruck und betrat den ersten Raum, einen von dreien, die noch ganz real waren, also echte Zimmer in einem alten Fabrikgebäude. Mir stockte kurz der Atem: Der Anblick einer gruseligen, sich bewegenden Puppe mit riesigen Augen war schon etwas verstörend und als parallel unverständliches Geplapper über die Statik des Gebäudes einsetzte und ich aus Bauklötzen ein Haus bauen sollte, das im nächsten Augenblick zerstört wurde, war mir klar: Ich sollte direkt erschüttert werden.
Die Verunsicherung nahm im zweiten Zimmer zu. Dort gab es mehrere Bereiche, die im Dunkeln lagen und von dem nur einer immer plötzlich erhellt wurde. Mein Blick fiel dabei auf merkwürdige Gegenstände wie einen Plattenspieler mit Sand und Eierschalen auf dem Teller oder ein Buch mit dem Titel „Ein Mädchen allein auf Reisen“, worin ich eine spöttische Spiegelung meiner augenblicklichen Situation sah. Doch das war alles harmlos im Vergleich. Als nächstes empfing mich ein Mann aus Fleisch und Blut, der sich als Hausmeister ausgab und mir eine Geschichte über das Gebäude erzählte, das von Schimmel befallen sei und sich aufzulösen drohte. Er band mich in die Story ein, ich solle als Assistenz mit einer Virtual-Reality-Brille durch das Haus laufen, wäre dabei immer in Verbindung mit ihm und er schieße gelegentlich Aufnahmen vom Schimmelbefall. Ich gab mir Mühe, mitzuspielen. Er setzte mir dann eine VR-Brille nebst Kopfhörer auf, gab mir schließlich noch einen Controller und einen Alarmknopf in die Hand, auf den ich drücken sollte falls es mir zu viel würde, und ich merkte, ich hatte doch etwas schwitzige Hände.
Ich sollte mich vor eine Aufzugtür stellen und meinen Controller dranhalten, dann würde sie sich öffnen und ich würde meinen Gang durchs nun virtuelle Gebäude beginnen. Der Controller würde öfter rote Warnsignale abgeben, dann solle ich sehen, dass ich da wegkomme, denn es bedeute Gefahr. Ich solle immer versuchen, Türen zu öffnen und sonst andere finden. Ich fand mich schließlich nach der Aufzugfahrt in einem langen Gang mit lauter verschlossenen Türen wieder, in die andere Richtung Absperrbänder mit Warnungen, diese Bereiche sollten auf keinen Fall betreten werden. Im Hintergrund war ein dumpfes Grollen und Poltern zu hören und verstärkte den Eindruck von Bedrohung. Schnell erkannte ich, hier gab es keinen Ausgang, kein Vor und Zurück. Der Hausmeister fing an, mit mir zu reden und mir Anweisungen zu geben, machte aber Pausen zwischendurch, so dass das Gefühl, alleine in einer ausweglosen Situation zu sein, verschärft wurde. Doch er meldete sich wieder und plötzlich erschien wie aus dem Nichts eine andere Tür, wo der Controller funktionierte und ich woanders hin transportiert wurde. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen, dachte ich in meinem Kopf. Und das würde jetzt noch 60 Minuten so weiter gehen…
Was soll ich sagen? Ich wurde zu verschiedensten Orten geführt, schnell wurde klar, es handelt sich um ein Gebäude, in dem vorher mal ein Altersheim oder eine Seniorenresidenz untergebracht war. Überall waren Spuren des ehemaligen Heimlebens zu sehen, Essensreste, Erinnerungsfetzen der Bewohner (anhand von Bildern an den Wänden oder drastische Szenen wie eine Unfallszenerie, wo augenscheinlich eine Frau ihre Angehörigen verliert und vor Verzweiflung in Zeitlupe zusammenbricht). Dann waren da aber auch sehr schöne Momente: Der Anblick der Einrichtung, wie sie einmal in einem guten Zustand (und fast ein bisschen nobel) gewesen war: mit einem geräumigen Bingo-Saal und dem Blick auf den Vorhof in einer friedlichen, nächtlichen Mondscheinstimmung. Wie sehr ein schönes Haus doch einen Einfluss auf das Wohlbefinden hat, dachte ich und für einen kurzen Moment erinnerte ich mich an meinen Blog, wo es ja um tolle Häuser geht. Doch mir blieb keine Zeit für Gedanken an meine Alltagswelt, denn plötzlich nahte eine Art Gondel heran, in die ich einsteigen sollte. Sie brachte mich durch dichte und laute Nebel an die Erdoberfläche und immer weiter darüber hinaus. Dort entfuhr mir vor Staunen über die Schönheit der Erde in all ihrer blauen und lichten Farbigkeit ein „Wow“. Mir kamen die Astronauten in den Sinn und dass meine Freundin neulich meinte, sie erlebten im Weltall den so genannten Overview-Effekt, wo man plötzlich erkennt, dass es in Wahrheit keine Grenzen gibt, nur die von Menschen geschaffenen und man realisiert, wie unglaublich schön und fragil die Erde ist. Mein virtuelles Schweben über der Erde war wohl ähnlich, definitiv ein Moment des Aufatmens und der Freude.
Doch dann wurde ich plötzlich zurückkatapultiert in meine persönliche Horrorvorstellung: Ein schmaler Gang über einem riesigen, tiefen Abgrund. Und mir blieb nichts anderes übrig, als ihn entlangzulaufen, um zur nächsten Tür zu gelangen, die mich hoffentlich von diesem Ort wegführen würde. Ich musste mir schon einen Augenblick klarmachen, dass dieser Gang nicht echt war, denn es fühlte sich alles sehr real an. Mit zaghaften Schritten, die ich im wahren Leben vermutlich nicht getan hätte, denn ich habe Höhenangst, taperte ich vorsichtig zur Tür. In den unendlichen Raum um mich herum und in den Abgrund zu gucken, kostete mich Überwindung und als ich es geschafft hatte und die rettende Tür erreichte, war ich fast ein bisschen stolz auf mich.
Ich möchte nicht alles verraten, doch es ging munter so weiter. Ich musste noch sehr häufig meine Höhenangst überwinden und unmittelbar erleben, wie es ist, von niemandem mehr beachtet zu werden. Es steigerte sich alles nochmal extrem, bevor ich schließlich von der Dunkelheit in ein weißes Licht kam und mich – nachdem mir die VR-Brille abgesetzt wurde – in einer Halle wiederfand, in der zwei andere Besucherinnen ihre Kreise in der virtuellen Welt drehten. Das war ein weiterer kleiner Schock, zu sehen, dass ich mich die ganze Zeit über nur in dieser kargen, schmucklosen Halle befunden hatte und keineswegs irgendwelche Gänge entlanggelaufen war. Sofort kam eine nette junge Frau auf mich zu, fragte, ob es mir gut gehe oder mir schwindelig sei, was ich verneinen konnte.
Als ich zum Auto ging, dachte ich, dass die Beschreibung der Performance in vollster Weise zutraf. Ich hatte am eigenen Körper erkundet, wie es sich anfühlen kann, alt, krank und von allen verlassen zu werden. Ein sehr drastischer Kontrollverlust am eigenen Leib, der mich sicher noch länger beschäftigen wird. Und ich dachte, wenn wir alle so etwas einmal erleben dürften, hätte das vermutlich einen Effekt darauf, wie wir miteinander umgehen.
Info
- Fünf Fragen an Victoria Halper & Kai Krösche zum Stück (Webseite Asphalt Festival)
- Beschreibung der Performance mit Fotos (Webseite Asphalt Festival)

