Barocke Pracht: Ein Spaziergang durch Dresdens Altstadt (Teil 1: August der Starke, Zwinger und Theaterplatz)

Eigentlich versuche ich ja, in meiner unmittelbaren Umgebung kulturelle Perlen aufzustöbern, die nicht so bekannt, aber trotzdem spannend und einen Besuch wert sind. Doch manchmal führt es mich auch in entferntere Gefilde, an bekanntere Orte oder in größere Städte. Dann fühlt es sich oft so an, als würde ich nicht nur ein einzelnes Schmuckstück finden, sondern in eine riesige Schatzkammer treten. Und ich stehe da, mit offenem Mund und glückseligem Herzen, und habe keine Ahnung, wie ich diese Fülle an Eindrücken jemals in einem Blog-Artikel bewältigen könnte. 😉

Doch ich werde es versuchen und euch hoffentlich einen kleinen Eindruck von der Dresdner Altstadt verschaffen. Eine Tourbeschreibung werde ich nicht hinzufügen, im Prinzip kann man überall losgehen und kommt dann automatisch zu den beschriebenen Gebäuden, alles ist zu Fuß machbar und sollte auch zu Fuß genossen werden!

August der Starke

Wenn man Dresden besichtigt, sollte man unbedingt wissen, wer hauptsächlich für das wunderschöne „Elbflorenz“ verantwortlich ist: nämlich der ehemalige Kurfürst und spätere König von Polen August der Starke (1670-1733). Er hat aus einer Stadt mit lauter Fachwerkhäusern erst das barocke Dresden erschaffen (lassen). Zwar hatte sein Großvater, Kurfürst Johann Georg II., schon das Palais im Großen Garten erbauen lassen, das als frühester Barockbau Dresdens gilt (errichtet 1678-1683). Doch der Höhepunkt des Dresdner Barock wurde erst durch die Arbeiten des Baumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) in Zusammenarbeit mit August erreicht. Dieser beteiligte sich selbst sogar mit Skizzen zu den Gebäuden, denn er hatte sich in seiner Jugend mit Architektur, Kunst und Goldschmiedearbeiten beschäftigt. Als Zweitgeborener, der nicht für die Thronfolge vorhergesehen war, konnte er seinen persönlichen Neigungen folgen.

August der Starke (Ausschnitt aus dem Fürstenzug)

Der frühe und unerwartete Tod seines Bruders Johann Georg IV., machten ihn jedoch zum Kurfürsten von Sachsen. So begann das so genannte Augusteische Zeitalter (1694-1763), das sowohl die Zeit der Herrschaft Augusts des Starken als auch die seines Sohnes Friedrich August II. (1733-1763) umfasst. Dieser war ebenfalls kunstbegeistert und führte das Erbe seines machtbewussten Vaters fort. Mit beiden ging ein Goldenes Zeitalter einher, in dem Dresden und das Kurfürstentum Sachsen eine Blütezeit erlebten. Jene Zeit prägten ein wirtschaftlicher Aufschwung durch die Erschließung reicher Bodenschätze und die Erfindung neuer Waren. Ein berühmtes Beispiel ist die Entwicklung des ersten europäischen Porzellans mit der darauffolgenden Gründung der bis heute weltweit renommierten königlichen Manufaktur in Meißen im Jahr 1710.

Darüber hinaus begann August der Starke damit, Dresden zur königlichen Residenzstadt ausbauen zu lassen, ganz im Sinne seines Vorbilds Ludwig des XIV. in Frankreich. Er hatte nämlich als junger Mann auf seiner Grand Tour, welche ihn an die wichtigen Höfe Europas führte, die Pracht und den Pomp des Barocks kennengelernt (Kavalierstour ist eine andere Bezeichnung für die große Reise, auf die man Adelige damals zur Vervollkommnung ihrer Bildung schickte). So entstand gemäß der damaligen Zeit barocke Prachtarchitektur wie sie im Zwinger und der Frauenkirche zu sehen ist.

In der damals herrschenden Mode des Barocks diente alles der Darstellung von Macht. Und Macht und Ansehen waren genau das, wonach es August den Starken dürstete. So ließ sich der Protestant dann auch katholisch taufen, um nach der polnischen Krone zu greifen, die nicht automatisch an den Nächstgeborenen übergeben wurde, sondern mit etwas dezenter „Nachhilfe“ erkauft werden konnte. Sein Übertritt zum katholischen Glauben weckte allerdings bei den protestantischen Sachsen Unmut, woraufhin er ein Dekret erließ, das Religionsfreiheit versprach. In Kriegsauseinandersetzungen, die auch der Vermehrung seines Ruhmes dienen sollten, hatte er nicht so viel Erfolg und wandte sich wieder der Kunst zu (was wäre das schön, wenn es das heute auch noch geben würde!). Er war begeistert von Gemälden und Juwelen und schuf das Grüne Gewölbe, in dem die Schätze der Wettiner Fürsten schon damals (und seit 2006 wieder) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Leider hatte ich am Wochenende meines Besuchs nicht ganz so viel Zeit, die so genannte Wunderkammer werde ich mir wohl bei meinem nächsten Dresden-Trip anschauen müssen. Ich stelle hier erstmal die „große Schatzkammer“ vor: Die vielen tollen Gebäude der Altstadt, die allein schon eine Reise wert sind! 😊

Persönliche Zwinger-Eindrücke

Langgalerie mit Kronentor

Ach du meine Güte! denke ich, als ich durch das beeindruckende Kronentor in den Hof des Zwingers trete und sich unzählige wunderschöne Gebäude vor mir auftun.  Das ist „richtiger“ Barock, das sieht man sofort! Richtig im Sinne von „an italienische Vorbilder“ angelehnt. Nicht die etwas schlichtere, von niederländisch calvinistischen Vorbildern inspirierte Variante, wie ich sie im Schloss Nordkirchen kennenlernen durfte (siehe hier). Sondern das, was ich in Büchern und auf Bildern gesehen habe: Ausladender, üppiger Barock mit gebogenen Formen und opulenter Ausstattung, mit prächtigen, prunkvollen, bildhauerischen Arbeiten in einer Menge, wie ich sie noch nie gesehen habe, außer in Italien, wo ich aber als junger Mensch leider nicht so richtig hingeschaut habe. Dieser Schwung, die Bewegung innerhalb der Gebäude! Und die Skulpturen, die wie aus den „Häusern“ herauszuwachsen scheinen… Wow… wie fantastisch ist das denn bitte? Am meisten beeindrucken mich die Pavillons, der Porzellanpavillon und vor allem der Wallpavillon. Die geschwungene Form, der Hercules Saxonicus, der die Weltkugel trägt als Krone… und all die Skulpturen, die das Auge gar nicht so schnell fassen kann. Wie soll ich das bloß alles ordnen? Da kann man sich ja wochenlang mit beschäftigen, wenn man alle Einzelheiten fassen wollte! Hier erstmal ein paar Fotos und danach das Wichtigste…

Kronentor

Porzellanpavillon

Wallpavillon mit Hercules Saxonicus

Barocke Figurenpracht

Rückseite des Wallpavillons

Wann und warum wurde der Zwinger erbaut? Woher stammt der Name Zwinger?

Der Name Zwinger geht auf einen früheren Festungsteil zurück, den Bereich zwischen der inneren und äußeren Festungsmauer, der die Angreifer „einzwingen“ , also zwischen zwei Barrieren einsperren sollte. Zunächst wollte August der Starke an diesem unbebauten Platz nur eine Orangerie für seine wertvollen Zitruspflanzen bauen lassen (ab 1709) und nutzte den Platz darüber hinaus für Turniere oder Reitfeste. Doch vier Jahre später erweiterte er die Pläne um das Nymphenbad, die Bogengalerien und die Eckpavillons. Anlässlich der Hochzeit seines Sohnes, des Kurprinzen Friedrich August, mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha, wurde der Zwinger 1719 offiziell eingeweiht. Die Seite zur Elbe hin blieb zunächst offen. Erst im Jahr 1855 komplettierte die Sempergalerie im Stil der italienischen Hochrenaissance den Festplatz zu einem geschlossenen, viereckigen Ensemble. Die Hauptbauten (bis auf die Sempergalerie) sind ein grandioses Beispiel barocker Festarchitektur.

Sempergalerie, im Hintergrund die Hofkirche und das König-Johann-Denkmal

Sempergalerie, links ein Teil des Italienischen Dörfchens

Welche Gebäudeteile beinhaltet der Zwinger? Was befindet sich heute darin?

Der Zwinger ist also eigentlich ein Areal und besteht aus:

  1. dem Kronentor: dem eigentlichen Hauptzugang, der mit seiner zwiebelförmigen Kuppel aus der Langgalerie am Zwingergraben herausragt;
  2. dem Mathematisch-Physikalischem Salon: dem ältesten der Eckpavillons, welcher eine Sammlung wissenschaftlich-astronomischer Instrumente enthält, die heute als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ausgestellt werden;
  3. dem Wallpavillon: dem bedeutungsvollsten Pavillon, der von den Bogengalerien flankiert wird. Als Treppenanlage gedacht, die den Zwingerhof mit dem Stadtwall verbindet, ist er der prächtigste Pavillon. Im ersten Obergeschoss befindet sich ein Festsaal, in dem heutzutage Konzerte stattfinden. Zahlreiche griechische Götter zieren das Gebäude als Plastiken. Über dem polnisch-sächsischen Wappen befindet sich die Skulptur des Hercules Saxonicus, der die Weltkugel trägt und quasi ein Sinnbild für August den Starken darstellen sollte;
  4. dem Nymphenbad: einer hinter dem Französischen Pavillon versteckt liegenden Grottenanlage mit Wasserspielen und zahlreichen barocken Skulpturen;
  5. dem Französischem Pavillon: dem Eckpavillon, der über die Bogengalerie den Wallpavillon mit der Sempergalerie verbindet. Vor 1945 enthielt er französische Gemälde, heute beherbergt er einen Ausstellungsraum, in dem man die multimediale Virtual-Reality-Zeitreise „Zwinger Xperience“ erleben kann;
  6. dem Glockenspielpavillon: dem gegenüber dem Wallpavillon liegenden Pavillon zur Stadtseite hin mit seinen Bogengalerien, der ein Glockenspiel aus Meissener Porzellan enthält, welches aber erst im Jahr 1933 zusammen mit der Monumentaluhr eingebaut wurde und deretwegen der Pavillon heute Glockenspielpavillon genannt wird (früher: Stadtpavillon);
  7. dem Porzellanpavillon: dem zwischen der Bogengalerie und dem Glockenspielpavillon liegenden Eckpavillon, der heute als Präsentationsort für die berühmte Dresdner Porzellansammlung dient, welche Exponate aus Japan, China und Meißen beherbergt. Früher nannte man ihn Naturwissenschaftlicher Pavillon;
  8. der Sempergalerie: der 1855 fertiggestellten Galerie, welche eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt enthält, die Gemäldegalerie Alte Meister (vom 15. bis 18. Jahrhundert) und die Skulpturensammlung bis 1800, beide als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie gehen auf die Sammlertätigkeit August des Starken und Friedrichs August II. zurück.
Porzellanpavillon, Langgalerie und Kronentor

Der Architekt: Matthäus Daniel Pöppelmann

Der Architekt der Gebäude des Zwingers war Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736). Gemeinsam mit dem Bildhauer Balthasar Permoser (1651-1732) schuf er dieses unglaubliche Highlight des Dresdner Barock. Geboren in Herford, kam er als 18-jähriger nach Dresden, um zunächst unentgeltlich als Hilfskraft im Bauamt zu arbeiten. Er arbeitete sich dort zum Baukondukteur hoch. Die Wende kam, als er 1705 zum Landbaumeister befördert wurde. August der Starke schickte ihn 1710 auf Studienreise über Böhmen und Österreich nach Italien und 1715 nach Frankreich, wo er Versailles und das Schloss von Saint-Cloud mit den Wasserspielen besichtigte. Er reiste über die Niederlande zurück nach Dresden. So kam er natürlich in den Genuss, die allerprächtigsten Gebäude und Gartenanlagen Europas zu sehen. Wie er sich davon inspirieren ließ, können wir heute selbst im Zwinger begutachten. 😊

Semperoper

Vom Zwinger aus gelangt man ganz automatisch, heute würde man „intuitiv“ sagen, zum Theaterplatz mit der Semperoper. Es gab zwei Vorgänger-Gebäude: Das erste, ein zwischen 1838 und 1841 erschaffener Neorenaissance-Bau von Gottfried Semper (1803-1879), brannte 1869 in einem Feuer nieder, verursacht durch Räucherstäbchen, die ein Arbeiter wegen des Gestanks bei Reparaturarbeiten entzündete.

Semperoper

Das zweite, unter Gottfrieds Sohn Manfred Sempers Bauleitung 1869 geschaffene Gebäude, fiel beim Luftangriff auf Dresden 1945 den Flammen zum Opfer. Gottfried Semper hatte zwar die Pläne für den zweiten Bau entworfen, durfte aber Sachsen zu dem Zeitpunkt nicht betreten, da er beim Dresdner Maiaufstand 1849 (zur Etablierung einer sächsischen Republik) teilgenommen hatte und steckbrieflich gesucht wurde. Ab 1977 wurde die Semperoper wiederaufgebaut und 1985, genau 40 Jahre nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, mit Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ wiederöffnet.

Sofort ins Auge stach mir am Eingangsportal das Antlitz Johann Wolfgang von Goethes, das wohl aus jedem Schulbuch bekannt ist und hier in einer Statue verewigt wurde. Woraufhin ich mich zur Statue rechts daneben wandte und mutmaßte, es müsse sich wohl um Schiller handeln, was mein manchmal doch recht praktisches Smartphone prompt bestätigte. 😉 Das Hauptportal wird von einer Panther-Quadriga gekrönt, die die griechischen Götter Dionysus und Ariadne darstellt.

Semperoper und König-Johann-Denkmal

König-Johann-Denkmal

Vor der Semperoper befindet sich das 6 Meter hohe, bronzene König-Johann-Denkmal im Stil der Neorenaissance, das 1889 nach Plänen von Johannes Schilling errichtet wurde und an König Johann von Sachsen (1801-1873) erinnert. Dieser übersetzte unter einem Pseudonym sogar Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. Der Sockel enthält imposante Reliefarbeiten mit zahlreichen Allegorien für Kunst, Wirtschaft, Militär, Natur, Wissenschaft usw. Insgesamt (mit Sockel) ist das Denkmal über 13 Meter hoch.

Reliefarbeiten am Reiterstandbild

Italienisches Dörfchen

Das Italienische Dörfchen ist ein Gebäude mit neoklassizistischer Fassade, das 1911 bis 1913 nach Plänen des Architekten Hans Erlwein (1872-1914) errichtet wurde. Der Name erinnert an die Häuser der am Bau der Hofkirche beteiligten italienischen Handwerker, die dort zwischen 1737 und 1755 lebten. Das bei den schon genannten Luftangriffen schwer beschädigte Gebäude wurde 1956 wieder aufgebaut. Lange Zeit befand sich dort eine Gaststätte. Aktuell soll es zu einem gemeinwohlorientierten Kultur- und Gastronomie-Veranstaltungsort umgebaut werden.

Fazit

Wenn ich das jetzt hier alles nochmal so für mich und euch zusammenfasse, möchte ich mich am liebsten gleich wieder auf den Weg nach Dresden machen und alles nachholen, was ich an dem Wochenende meines Besuchs verpasst habe. Insbesondere die Zwinger Xperience wäre wohl was für mich gewesen, schließlich habe ich ja ein gewisses Faible für immersive „Reisen“ (siehe hier). 😉 Und wenn man sich die Beschreibung auf der Xperience-Webseite anguckt, bekommt man einen fantastischen Eindruck davon, was August der Starke mit seiner Festarchitektur bewirken wollte. Auch die Gemäldegalerie Alte Meister und die Porzellansammlung hätte ich mir gerne angeschaut. Wenn man aber Tiere und einen Hubby zuhause hat und darüber hinaus noch weitere Dinge wie einen Konzertbesuch und das Treffen mit Freunden in ein solches Wochenende packt, wird die Zeit eben etwas knapp. Nun ja, man muss ja noch Ziele haben! Im nächsten Blogbeitrag geht es um die Residenz, die Hofkirche und was es sonst noch alles zu sehen gibt im wunderschönen Dresden!

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